Im Mozartsaal der Liederhalle ist der russische Geiger Ilya Gringolts mit dem Stuttgarter Kammerorchester aufgetreten.
Ein Konzert wie eine Visitenkarte. Im Mozartsaal der Liederhalle spielt das Stuttgarter Kammerorchester am Donnerstagabend Romantisches, Zeitgenössisches und Barockes – mehr Vielfalt geht nicht, das Traditionsensemble ist ein Chamäleon, das ständig seine Farbe wandelt. Applaus allein schon dafür!
Eine weitere Qualität zeigt sich beim Ausflug in die Neue Musik: „Infinite Superposition“ von Boris Filanovsky, ein konzertanter Dialog zwischen Solovioline und Orchester, hat eine bewusst gesetzte amorphe Form, krankt aber genau daran. Man lauscht und findet kein Ohren-Geländer, doch die Streicherinnen und Streicher sorgen immerhin dafür, dass man immer wieder raffinierten, fein ausgeleuchteten Klangmomenten begegnet.
Eine hoch spannende Interpretation
Geleitet wird der Abend von dem russischen Geiger Ilya Gringolts, der mal als Solist agiert, mal als Konzertmeister Akzente setzt. Seine Arbeit vom ersten Pult aus wirkt oft sehr bescheiden. Es muss aber einiges an Feintuning vorangegangen sein. Davon zeugt schon zum Auftakt Mendelssohns zehnte Streichersinfonie, ein von Beethoven inspiriertes und ein wenig auch nach Schubert duftendes Fragment, das nur aus einer längeren langsamen Einleitung und einem Allegro-Satz besteht.
Hier staunt man über virtuos zelebrierte Filigranarbeit ebenso wie über die Raffinesse der harmonischen Struktur – eine hoch spannende Interpretation.
So könnte man Dvořáks Streicherserenade immer wieder hören
Wie ein Klangkörper von innen heraus leuchten und in Bewegung kommen kann, ist dann bei Antonín Dvořáks Streicherserenade zu erleben. Dieses Stück wirft so verschwenderisch mit Schätzen um sich wie einstmals die Stadt Stuttgart, und das Kammerorchester formt das op. 22 zu einem lebendig durchpulsten Erlebnis, das, vor allem im Eingangssatz, von wachen Dialogen zwischen den einzelnen Gruppen getragen wird.
Die Wehmut des Walzers, die Innigkeit des Adagios (mitsamt einem fast opernhaften Duett zwischen ersten Geigen und Bratschen), die singende Gruppe im Finale: Großartig, in dieser Qualität könnte man dieses Stück immer wieder hören.
Einen roten Teppich für Ilya Gringolts gibt’s obendrein. In dem exaltierten, artistischen zweiten Violinkonzert des französischen Barock-Komponisten Jean-Marie Leclair paart das Stuttgarter Kammerorchester französische Eleganz und rhythmische Prägnanz mit italienischem Gesang.
Der Solist meistert bravourös die zahlreichen virtuosen Volten und Verzierungsstrecken und hat uns damit ebenfalls eine starke Visitenkarte hinterlassen.