Zig Jahre Punkrock-Historie trafen im Stuttgarter Wizemann aufeinander: Die Hamburger Slime und die Schotten von The Exploited haben dort Station gemacht. Wünsche blieben wenige offen.
Das riesige Banner: weiße Schrift auf rotem Grund. Das Intro: bombastisch. Der erste Song: nimmt das Publikum in der Halle des Stuttgarter Wizemann gleich im Sturm. Slime sind zu Gast, ihres Zeichens Hamburger Punkrock-Legende und mit ihrem aktuellen Album „3!+71“ auf Tour. Sie präsentieren sich in Topform, sodass am Ende, nach exakt einer Stunde und 18 gespielten Minuten, beim Publikum kaum Wünsche offen bleiben.
Slime: Klassiker-Alarm schon im ersten Viertel der Show
Wie es sich für Deutschpunk-Veteranen gehört, gibt starker Tobak wie „A.C.A.B.“ oder „Armes Deutschland“ die Richtung vor. Mit „Alle gegen alle“ vom gleichnamigen 1983er-Album gibt es im ersten Show-Viertel auch schon Klassiker-Alarm – der spätestens gegen Ende mit „Linke Spießer“, „Störtebeker“ und dem furiosen Finale „Religion“ seinen Höhepunkt erreicht. Dem Publikum gefällt’s. Und der Blick ins fast vollbesetzte Auditorium verrät: Viele dürften die Anfangstage der Band in den frühen 1980ern live miterlebt haben. Die bunten, hochgestellten Haare trägt hingegen vor allem die jüngere Punk-Generation spazieren, die auch vor der Bühne beim Pogo die Kuh fliegen lässt.
Dass Slime auch ruhiger können, beweisen sie gegen Ende der Show: Sänger Tex Brasket – er ersetzte im Jahr 2021 den legendären Dirk „Diggen“ Jora – intoniert unter anderem „Gewalt“ mit Hilfe seiner Akustikgitarre. Der Rest ist Vollbedienung mit klarer politischer Botschaft und wenigen Ansagen. Dass die Band um Ur-Gitarrist Michael Mayer sich sputet, dürfte auch am Wizemann-Zapfenstreich um Punkt 23 Uhr liegen. So fallen im Vergleich mit Slime-Gigs jüngeren Datums auch Songs wie „Safari“, „Schatten“ oder „Bock auf Leben“ aus.
Dass der Abend im Zeichen von Punk-Legenden steht, liegt indes auch an einer schottischen Combo. The Exploited um Sänger Wattie Buchan sind im Wizemann ebenfalls mit von der Partie – und gehen noch vor Slime komplett ohne Intro mit „Let’s start a war (said Maggie one day)“ traditionell stumpf in die Vollen. Margaret „Maggie“ Thatcher, die in linken Kreisen verhasste Adressatin der 1983er-Schote, ist 2013 gestorben – dass Wattie noch lebt, gleicht nach einem Dasein voller Drogen- und anderer Eskapaden fast einem Wunder.
Dafür macht das einzig verbliebene Gründungsmitglied eine ordentliche Figur – von Song eins an ohne Shirt. Allerdings benötigt der inzwischen 68-Jährige zwischen den Stücken kurze Verschnaufpausen, die auch nicht wegmoderiert werden. All das dürfte auch an den Temperaturen auf der Bühne liegen (Wattie: „I’m fucking melting!“ – „Ich schmelze, verdammt noch mal!“).
Auch bei der Exploited-Song-Auswahl hat das Publikum wenig Grund zu meckern. Bei „Sex & Violence“ bitten die Schotten sogar Fans zur Party auf die Bühne. Einziger Kritikpunkt laut Stimmen aus der Menge: Es hätten mehr Songs vom beliebten Hochpräzisions-Thrash-Metal-Knaller „Beat The Bastards“ (1996) sein dürfen als lediglich das Titelstück sowie „Fight Back“.
15 Euro für ein Exploited-Shirt: heutzutage fast ein Schnäppchen
Gut kommen hingegen die Preise am Merchandise-Stand an: 15 Euro kostet das günstigste Exploited-Shirt, in heutiger Zeit fast ein Schnäppchen. Rund 50 Euro für das Ticket lassen hingegen bei manchen die Frage aufkommen, ob das noch Punkrock ist?
Eine dritte Band gab es auch noch: Erection aus Regensburg hatten die Aufgabe, um Punkt 19.01 Uhr den Abend zu eröffnen. „Raw Power Punk’n’Roll“ nennt das Quartett um Frontfrau Julia seinen Stil, den es exakt 40 Minuten lang darbietet – und der von der Menge wohlwollend aufgenommen wird.
Diese Songs haben Slime gespielt:
- Komm schon klar
- A.C.A.B.
- Armes Deutschland
- Wer du bist
- Alle gegen alle
- Sie wollen wieder schießen (dürfen)
- Lieben müssen
- Monster
- Alptraum
- Evolution
- Weil fickt euch alle
- Euch will ich sehen
- Schweineherbst
- Deutschland
- Gewalt (halbakustisch)
- Heute nicht (halbakustisch)
- Linke Spießer (Zugabe)
- Störtebeker (Zugabe)
- Religion (Zugabe)