Tocotronic Frontman Dritk von Lowtzow beim Konzert im Wizemann. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Deutschlands schlauste Rockband Tocotronic bringt ihre großen Songs mit Haltung, Gefühl und zartem Witz auf die Bühne des Wizemann. Das Publikum liegt ihnen dabei wie immer zu Füßen.

Ihre Lieder tragen mal poetische, mal prophetische Titel wie „Pure Vernunft darf niemals siegen“, „Aber hier leben, nein danke“ oder „Nie wieder Krieg“. Ihre Songs sind Diskurs am WG-Küchentisch neben dem übervollen Aschenbecher und dem billigen Rotwein, taugen sich als Tattoo-Slogan ebenso wie als politische Grundeinstellung mehrerer Generationen. Vor allem live zeigen Tocotronic wieder und wieder, warum es bis heute keine wichtigere deutsche Rockband gibt als sie.

 

Dialog zwischen Bühne und Zuschauerraum

Pünktlich um acht dürfen aber erst mal Cava den Saal zerlegen. Das Berliner Garage-Duo aus Peppi Ahrens und Mela Schulz prügelt einen groovenden Sound zwischen Bikini Kill und White Stripes in die Halle und sorgt für mehr als Betriebstemperatur. Sollte man im Auge behalten. Seit Wochen ausverkauft ist das Wizemann, über das sich Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow noch höflich wundert, wie man es denn nun eigentlich ausspricht. Deutsch oder englisch. Das Publikum antwortet prompt. Ein Tocotronic-Konzert ist immer auch ein Dialog zwischen Bühne und Zuschauerraum.

Früher hielt von Lowtzow gern lange Ansprachen zur Lage der Welt. Heute hat wohl auch er gemerkt, dass man niemandem mehr den Ernst der Lage begreiflich machen muss. Dennoch beschreibt er das wundervolle neue Album „Golden Years“ als Hoffnungsschimmer in diesen Zeiten. Protestsongs und Liebeslieder. Tocotronic sind eine inhärent linkspolitische Band, die das gar nicht groß zeigen muss. Sicherheitshalber spielt sie auch am Donnerstagabend im Wizemann „Denn sie wissen, was sie tun“, ihre jüngste antifaschistische Hymne gegen das Wiedererstarken rechter Kräfte im Land. Ein knappes „AfD – nicht okay“ des Sängers reicht da schon.

Virtuoses Gitarrenspiel

Ansonsten reisen Tocotronic mit ihren gebannt lauschenden, laut jubelnden, textsicher mitsingenden Fans durch rund 30 Jahre Bandgeschichte. Ihr Sound ist glühend, dringlich und immer wieder von feiner Melancholie, ihr Zusammenspiel nach all den Jahren eh von hermetischer Schönheit. Gitarrist Rick McPhail mag nicht mehr dabei sein, stattdessen verschafft Felix Gebhardt dem Trio mit seinem virtuosen Spiel zusätzliche Tiefe. Einmal sogar mit der Mundharmonika.

Auffallend ist, wie gut sich die Stücke ihres neuen Albums „Golden Years“ in die beeindruckende Werkschau der Band einfügen. Sieben Stücke spielen sie davon, vom ahnungsvollen sanften Opener „Der Tod ist nur ein Traum“ bis zur wuchtig dröhnenden Kurzgeschichte „Wie ich mir selbst entkam“. Tocotronic sind keine Band, die man auf ein Album, auf einen Hit reduzieren kann. Deswegen ist die Intensität von der Bühne fast zwei Stunden lang ähnlich hoch, deswegen wird auch das Publikum über diese Dauer mühelos bei der Stange gehalten. Alte Schrammel-Rock-Orgien wie „Digital ist besser“ werden dann aber vielleicht doch noch mal ein klein wenig mehr goutiert.

Tocotronic-Klassiker als Zugabe

Das elegische „Ich tauche auf“ wird in einem fast mucksmäuschenstillen Wizemann zum kaskadierenden Höhepunkt, bevor sich die Band im Zugabenblock wie entfesselt durch alte Songs beißt. „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“, der Noise-Furor „Explosion“ oder, als dritte und letzte Zugabe, endlich diese erlösende Studentenstadtabrechnung „Freiburg“. Manche Dinge ändern sich eben nie. Irgendwie tröstlich in diesen Zeiten.