40 Jahre nach den großen Erfolgen des Duos hat der einstige Modern-Talking-Sänger seine große Zeit wiederbelebt.
„Ach, die 80er!“ – da seufzt einer, der dabei war, der im Fernsehen war, im Radio, in den Lautsprechern von Tausenden von Kassettendecks und Autoradios. Thomas Anders steht auf der Bühne des Beethovensaals und singt noch einmal die Songs von Modern Talking. Tatsächlich hat er, als eine Hälfte des deutschen Pop-Duos von phänomenalem Erfolg, alle Songs, alle Alben von Modern Talking noch einmal eingesungen, in einem heute modernen Sound, und singt nun live eine Auswahl von ihnen, die in Stuttgart ankommt.
Kaum ist das Licht erloschen, hat eine kühle Stimme den Countdown gezählt, sind Flammensäulen links und rechts der Bühne aufgeschossen, schießt auch das Publikum empor: Man sieht Frauen, die mit fliegendem Haar senkrecht starten, Damen in der Lebensmitte, deren Hüften gefährlich zucken, Herren, die entrückt auf der Stelle trippeln, viele junge Besucherinnen und Besucher auch. Der Saal ist bis zum Rand gefüllt, es herrscht Ekstase. Modern Talking waren für manche eine Pein – für andere bedeuten sie, auch heute noch, die goldene Jugendzeit.
Über seinen früheren musikalischen Partner Dieter Bohlen verliert Thomas Anders fast kein Wort. Ganz zu Beginn des Abends läuft ein Videoclip ab, getaucht in alle Pastelltöne des gefeierten Jahrzehnts, zeigt einmal Anders mit einer bohlenähnlichen Figur neben sich. Für den Rest des Abends dann bleiben die bunten Bilder einer cleveren Strategie treu: Fliegt der offene Wagen den „Cherokee Highway“ entlang, sitzt der ältere Anders am Steuer und der jüngere auf dem Beifahrersitz.
Thomas Anders singt mit seinem Alter Ego
So wird Modern Talking an diesem Abend also wieder zum Duo: Wenn Thomas Anders, 63 Jahre alt seit rund drei Wochen, gemeinsam mit seinem jüngeren Alter Ego singt. Anders und Bohlen waren 22 und 31 Jahre alt, als das erste Album von Modern Talking die Hitparaden stürmte. Vom jungen Thomas Anders, stets lächelnd, auf geradezu übernatürliche Weise strahlend, mit langem glänzenden Schwarzhaar und unvermeidlicher Nora-Kette, sieht man sehr viel an diesem Abend. Von der älteren Variante, leibhaftig anwesend, mit kurzem Haar, gepflegten Bartstoppeln und dem gleichen Lächeln, auch. Manchmal umarmen sich beide, auf der Leinwand.
Der Thomas Anders der Gegenwart trägt Jackett, mehr oder weniger glitzernd, tauscht es irgendwann gegen die Lederjacke ein, geht locker umher auf der Bühne, verzichtet auf die ganz großen Gesten, plaudert viel und in gefällig versonnenem Ton, erzählt von den großen Zeiten und davon, wie es war, als seine Garderobe gleich neben jener von ganz großen Stars lag, der von Whitney Houston zum Beispiel. Geschwind singt Anders ein Stück von ihr, covert im Vorübergehen auch Wham!, outet sich singend als Fan von Depeche Mode.
Die Band, um seine Showtreppe herum gruppiert, spielt druckvoll und wie ein Uhrwerk den unverkennbaren, sich selbst stets gleichen Modern Talking-Sound, den schnellen, funky zuckenden Plastic-Soul-Soul, der sich durch alle Songs des Duos zieht wie eine Autobahn aus schimmernder Gelatine. Irgendwann sprengen Gitarre, Keyboard, Schlagzeug kurz ihre Grenzen und beweisen, dass Anders nicht zum Playback singt. Bass und Backgroundgesang kommen hinzu.
Thomas Anders gesteht, dass er beim neuen Einsingen des Modern Talking-Katalogs auf manch einen Song stieß, an den er sich nicht mehr erinnerte. Er bringt viele Songs wieder zurück in die Erinnerung seines begeisterten Publikums, auch „There’s too much Blue in missing you“, das einzige Stück von Modern Talking, das nicht er, sondern Dieter Bohlen sang – wie es dazu kam kann Anders nach genau 40 Jahren auch nicht mehr erklären, allein: der Song erweist sich als ein Favorit des Publikums.
„Cheri, Cheri Lady“ ist der Höhepunkt des Abends
Derer allerdings gibt es viele, und immer die bunten, schillernden, nostalgischen Bilder dazu. Die Liederhalle tobt und tänzelt im Zuckerrausch zu „Geronimo’s Cadillac“, springt auf bei „Atlantis is calling“, gerät in Verzückung bei „Jet Airliner“, „You’re my Heart, you’re my Soul“, „Brother Louie“, „TV makes the Superstar“. Man sieht eine gläserne Pyramide auf der Bühne, sieht fliegende Herzen, neonfarbene Umrisse, Schallplatten- und Kassetten-Cover, immer wieder alte Fernsehgeräte, man wird daran erinnert, dass es einmal einen Zauberwürfel gab.
Thomas Anders lockt sein Publikum schließlich ganz aus der Reserve: „Wenn ich jetzt bis drei zähle… dann, Stuttgart, müsst ihr ausrasten. Ich weiß, wir sind hier in Baden-Württemberg, aber ihr könnt das!“ „Cheri, Cheri Lady“ ist der wohlkalkulierte Höhepunkt und Abschied. Über der Bühne lächelt Thomas Anders, so wie er war vorzeiten, noch einmal, wendet sich um und kehrt durch einen langen bonbonfarbenen Tunnel zurück in die Zeit, aus der er kam.