Hingebungsvoll: Steve Hackett in Stuttgart Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Steve Hackett, einst Gitarrist bei Genesis, hat mit seiner Band im Beethovensaal der Liederhalle gespielt. Kritik und Fotos von einem kunstvollen Progrock-Konzert.

Zirzensisches Saxofonsolo, mächtiges Orgelsolo und jetzt das erste von vielen leidenschaftlich singenden Gitarrensoli: So geht es los, das Konzert des Gitarristen Steve Hackett und seiner Band im Beethovensaal der Liederhalle. Gleich darauf verdeutlicht der Drummer, dass seine vielen aufwendig austarierten Kunststofffelle nichts wert wären ohne sein tiefes Verständnis angewandter Mathematik.

 

Virtuosität ist Voraussetzung dieser Musik, die von Dynamik lebt – zwei Kategorien, die in heutiger Musikproduktion kaum noch eine Rolle spielen. So klingt der Progressive Rock von Steve Hackett natürlich nostalgisch – nicht nur, weil der Großteil des ausufernden Songmaterials aus den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts stammt.

Steve Hackett erzählt mit sechs Saiten Geschichten. Foto: Ferdinando Iannone

Vor der Pause zelebriert der Engländer die Höhepunkte seines auch schon wieder 50 Jahre währenden Soloschaffens: In seinem Klassiker „Every Day“ lässt er seine Gitarre sich besonders intensiv sehnen, in seinem neuen Song „The Sea Inside“ verblüfft er selbst als ausdrucksstarker Sänger. Gerade in den höheren Lagen vermag seine Stimme die Wehmuts-Wendungen seiner Traum-Soundtracks gut abzubilden. Statt zu versuchen, Anstrengung zu kaschieren, destilliert der Sänger Steve Hacket aus harter Arbeit leichte Inspiration.

Steve Hackett huldigt Genesis

Nach der Pause präsentiert Steve Hackett Liedgut von Genesis, der Band in der er sich von 1971 bis 1977 als Gitarrist verdingte. Den Schwerpunkt dieses Sets bestreitet er mit Material vom legendären Album „Selling England By the Pound“ von 1973. Denn schon im Nachfolgewerk „The Lamb Lies Down on Broadway“ waren seine Gitarrenkünste nicht mehr so gefragt. Seine hingebungsvoll exhalierten Versionen von „Dancing With the Moonlit Knight“, „The Cinema Song“ oder „Firth of Fifth“ klingen allesamt triftig: Hacketts Ton tanzt, wenn er es will, und verharrt, wenn ihm nach Spannung ist. Aber vielleicht auch, weil der Sänger Nad Sylvan aus der zweiten Reihe agiert, um dem Star an der Gitarre nicht die Show zu stehlen, erinnert das Set trotz des beherzten Einsatzes eines sympathisch aus der Zeit gefallenen doppelhälsigen Bass-und-Gitarren-Zwitters zuweilen ein bisschen an eine dieser Tribute-Shows, die seit ein paar Jahren in hoher Frequenz durch die Lande ziehen, um Simon & Garfunkel, Queen, Michael Jackson, Falco und eben auch Genesis zu huldigen.

Der andere Wermutstropfen: Zuweilen kippt das komplex ausgetüftelte Zusammenspiel von Gitarre, Keyboard und Saxofon ins Schrille, womöglich weil viele ältere Herren die hohen Töne nicht mehr ganz so gut hören können, und man mit Pigmenten in den Haaren an diesem Abend als Junger durchgeht, auch wenn die Rente naht.

Aber derartige Petitessen bringen Steve Hackett, der in Stuttgart auch mit deutschsprachigen Einsprengseln in seinen knappen Ansagen Sympathiepunkte sammelt, nicht aus dem Konzept: Er widmet seine Zeit seinem Können und stellt seine Virtuosität in den Dienst vertrackt aufgefächerter Klanggeschichten. Hingebungsvoll verschmilzt der 76-Jährige im gut gefüllten Beethovensaal gut zwei Stunden lang mit seinem Instrument, barmt und jubiliert, testet die Dehnbarkeit seines Progrock Richtung Jazz und Richtung Hardrock und hat erkennbar Freude an seinem Tun. Dem Publikum geht es genauso.