Die Band Alphaville ist am Montagabend in Stuttgart aufgetreten. Kritik, Fotos und Setlist vom Konzert im Hegelsaal der Liederhalle.
Auch auf diese Weise hat man in den Achtzigerjahren Ekstase visualisiert: Während des Songs „Dance With Me“, dem dritten des Abends, hebt Carsten Brocker, der als Kind Alphaville gehört hat und mittlerweile den Sound dieser Band prägt, eines seiner Keyboards vom Ständer und reckt es in die Luft. Hoch über seinem Kopf lässt der Musiker, dem man auch die Aktivierung der unablässig zuckenden Sechtzehntel zuschreiben darf, seine Finger gut sichtbar über die Tasten sausen.
So etwas ähnliches wie Ekstase beim Alphaville-Konzert anno 2025 im ausverkauften Hegelsaal der Liederhalle äußert sich auch darin, dass sich die rund 1800 Zuschauer zu allen drei Welthits der Band von ihren Sitzplätzen erheben. Die meisten filmen stehend mit ihren Handys bei „Big in Japan“, bei „Sounds Like a Melody“ und bei „Forever Young“. Überwiegend wird dabei das Hochformat bevorzugt.
Viel Engagement vom Sänger
Dass die hohe Stimme bei diesen Liedern, die Furchtlosigkeit vor dem Pathos mit einer satten Portion Hall feiern, mittlerweile nicht mehr einem dürren Jungen aus der Provinz entweicht, der gerade die Berliner Bahnhof-Zoo-Ästhetik für sich entdeckt hat, sondern einem stattlichen 70-jährigen Bartträger, tut der Faszination keinen Abbruch: Es sind und es bleiben starke Songs. Überraschend ist eher, wie viel Engagement der Sänger Marian Gold, das einzig verbliebene Gründungsmitglied von Alphaville, in Stuttgart auch in die 18 Nicht-Welthits des Abends legt: In „Inside Out“ präsentiert der notorische Hochtöner in der Mitte des zweistündigen Konzerts seinen angenehm warmen Bariton, und gleich darauf setzt er in „I Die For You Today“ alles daran, auch die Zuschauer in den hinteren Reihen von den James-Bond-Titelsong-Qualitäten des Songs zu überzeugen, der erst auf Alphavilles Comeback-Album im Jahr 2010 veröffentlicht wurde und doch so typisch ist für den schon in den Achtzigerjahren perfektionierten sehnsuchtsverliebten Überschwang dieser Band.
In seinem weitgehend erfolgreichen Bemühen, eine nostalgisch angetriebene Begegnung stringent im Jetzt zu vertäuen, wird Marian Gold einerseits von einer perfekt programmierten quietschbunten Lightshow inklusive diversem Blendwerk und Projektionen von Wellen und Waldbrand unterstützt – und andererseits von einer soliden Band. Der Schlagzeuger umspielt die allenthalben vorwärtsstrebenden Synthiepop-Sechzentel erstaunlich kreativ, die Bassistin sorgt für reellen Druck. Naja, den unermüdlich Rhythmen in seine Saiten dreschenden Gitarristen hört man vor allem in seinen krachledernen Rock-Soli, die die kaskadenhaften Keyboardläufe zwar selten aber dann effektvoll kontrastieren. Und die beiden Background-Sängerinnen sind insbesondere als Tänzerinnen gefragt.
Denn klangliche Transparenz ist nicht gerade die Königsdisziplin der Band Alphaville im soeben angebrochenen fünften Jahrzehnt ihres Bestehens: Mitunter hat der stetige Soundschwall zum Antrieb des Hymnischen durchaus auch etwas Breiiges – schimmern soll an diesem Abend vor allem die Stimme von Marian Gold. „Ich wusste nicht, wohin“, erzählt der Sänger über seine Anfänge. Inzwischen ist er ein Meister darin, das Gefühl zu vermitteln, er fühle sich genau dort am wohlsten, wo er gerade ist.
Die Setlist von Alphaville in Stuttgart
1. Golden Feeling
2. Wishful Thinking
3 .Dance With Me
4. Big in Japan
5. Romeos
6. Call Me
7. Sensations
8. Heaven On Earth (The Things We’ve Got to Do)
9. Carry Your Flag
10. Inside Out
11. I Die for You Today
12. The Mysteries Of Love
13. Universal Daddy
14. To Germany With Love
15. Fallen Angel
16. Red Rose
17. Fools
18. A Victory of Love
19. Sounds Like a Melody
20. Forever Young
21. State of Dreams