Marco Mengoni erlangte internationale Berühmtheit durch seine Teilnahme am ESC in Liverpool mit dem Lied „Due Vite“. Er belegte den vierten Platz. Foto: dpa/Peter Kneffel

Der Popstar Marco Mengoni spielt diese Woche in Stuttgart. Im Interview spricht er darüber, warum auch Männer sich verletzlich zeigen sollten und er sich freier fühlt als je zuvor.

In seiner Heimat Italien ist der Sänger Marco Mengoni längst ein Star – international bekannt wurde er durch seine Teilnahme am Eurovision Song Contest (ESC). Am Freitag, 21. November, ist er zu Gast in Stuttgart. Im Interview erzählt er, warum es keine Schande ist, als Mann Verletzlichkeit zu zeigen, warum er jede Woche zur Therapie geht und wieso er auf Tour darunter leidet, dass seine Pflanzen allein zu Hause sind.

 

Marco, Du tourst gerade wieder durch Deutschland. Warst Du zuvor schon in Stuttgart?

Nein, in Stuttgart war ich bisher noch nie. Aber ich liebe Deutschland. Viele sagten mir, in Deutschland sei das Publikum sehr kühl, wie im Norden Italiens auch. Und ich habe mir gedacht, okay, mal schauen. Aber als eines meiner Konzerte dann hier begann, war das verrückt: Die Leute haben mitgesungen, geklatscht und geschrien, es war fast ein bisschen wie in Neapel.

Wie erklärst Du Dir das?

Ich glaube, in Deutschland gibt es viele italienischstämmige Menschen aus der zweiten oder dritte Generation und die Musik ist ihre Verbindung zu ihrer Heimat.

Wenn Du auf Tour bist, betest Du immer, dass sich jemand daheim gut um Deine Pflanzen kümmert. Was ist das mit Deinen Pflanzen?

Ich glaube, die erste Verbindung zu Pflanzen hatte ich über meinen Großvater. Er mochte gärtnern und die Natur sehr. Er hat mir viel beigebracht. Ich habe in Mailand eine Wohnung voller Pflanzen und ich mag es, mich um „Leben“ zu kümmern. Es ist schön, ihnen beim Wachsen zuzusehen. Manchmal weine ich deshalb auch. Wenn man zum Beispiel Tomaten sät und zwei bis drei Monate später werden sie groß, dann sitze ich da und denke: „Oh mein Gott, meine Babys.“

Marco Mengoni als Sieger beim Sanremo-Festival 2023. Foto: imago/Matteo Gribaudi

Hast Du inzwischen jemanden, der sich um all die Pflanzen kümmert, wenn Du auf Reisen bist?

Ich mache es selbst, ich habe ein System gebaut, das sie automatisch bewässert. Und ich habe auch eine Freundin, die regelmäßig in meinem Apartment nach ihnen schaut.

Aber Du weinst oft wegen Deiner Pflanzen?

Nicht oft, aber ich lebe meine Gefühle aus, wenn ich sie fühle. Warum sollte ich nicht weinen, wenn mir danach ist? Ich halte es für sehr mittelalterliches Denken, dass Männer nicht weinen oder andere Gefühle ausdrücken dürfen. Wir haben das Jahr 2025, du musst du selbst sein dürfen, um frei zu sein. In den letzten Jahren gelingt mir das immer besser – und ich habe mich dadurch auch auf der Bühne noch nie so frei und echt gefühlt.

Wie hast Du das erreicht?

Ich denke, zusammen mit meinem Therapeuten. Zusammen mit ihm habe ich einen wirklich guten Job gemacht.

Du gehst regelmäßig zur Therapie?

Ja, seit etwa zehn Jahren. Jede Woche. In harten Zeiten bin ich zweimal die Woche gegangen.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, so intensiv Therapie zu machen?

Ich mag es, Dinge wirklich zu verstehen – und mich selbst besser zu verstehen, an meinen Gedanken und Gefühlen zu arbeiten. Und ich denke, eigentlich sollte dies jeder tun. Es ist wie ein Work-out für das Gehirn. Man lernt, sich selbst und die Welt um einen herum besser zu verstehen.

Aber Du hast auch die Musik, um Deine Gefühle zu verarbeiten?

Ja, und ich denke, meine Musik ist genauso Therapie. Meine Musik ist dafür da, um mich wegen des Zustands der Welt weniger im Dunkeln zu fühlen. Wir alle haben zwei Seiten, die gute Seite und die Schattenseite. Wir müssen eine Balance zwischen den beiden finden. Und ich mag es, diese Balance über meine Musik zu finden. Ich fühle mich dann weniger traurig oder depressiv. Außerdem schafft Musik immer eine Verbindung zu anderen Menschen. Ich teile nicht nur Akkorde, sondern auch Gefühle.

Du hast sehr früh in Deinem Leben mit der Musik angefangen, als Du noch sehr klein warst.

Ja, meine Mutter hat mich gezwungen, Klavier spielen zu lernen (lacht). Und ich bin ihr heute so dankbar, dass sie es getan hat. Es war wirklich ein großes Geschenk von ihr. Dabei habe ich auch mein Gesangstalent entdeckt. Und heute ist meine Geschichte überall bei Google zu finden.

Sanremo-Festival, zweimal beim ESC – Du hast mit 36 Jahren schon viel erreicht. Was sind Deine künftigen Pläne?

Ja, und wenn ich die Tour überlebt habe, bin ich 37 (lacht). Und ich weiß es nicht, wie es weitergeht. Vielleicht will ich es auch gar nicht so genau wissen. Ich möchte im Hier und Jetzt leben. Aber ich möchte in Zukunft noch viel mehr reisen und die Welt sehen. Aber eigentlich ist das Wichtigste für mich, bodenständig zu bleiben. Ich komme aus einem kleinen Ort mit etwa 8000 Einwohnern. So bin ich aufgewachsen – und das ist meine Persönlichkeit. Ich bin die gleiche Person wie bevor ich berühmt wurde. Ich bin auf der Welt derselbe Mensch wie in Italien.