Die Santiano-Bandmitglieder Hans-Timm Hinrichsen, Axel Stolberg, Björn Both und Pete Sage (v. l.) haben eine eindringliche Show geboten. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Band aus dem hohen Norden hat mehr drauf als nur Seefahrer-Romantik und mitreißende Shantys. Bilder und Kritik vom Konzert in der Porsche-Arena.

Von wegen „Norddeutsche sind eher kühl und Schwaben schwer zu begeistern“. Santiano, die Shanty-Rocker aus Schleswig-Holstein, haben bei ihrem Konzert am Mittwochabend in der ausverkauften Porsche-Arena Stuttgart das süddeutsche Publikum vom allerersten Song „Lasst uns tanzen wie die Teufel“ bis zum Schluss des Konzerts nach rund zweieinhalb Stunden von den Stühlen gerissen, zum Tanzen, Mitklatschen und Mitsingen gebracht.

 

Doch in Stuttgart setzte die Band nicht nur auf das seit mehr als 14 Jahren bewährte Rezept, mitreißende Shantys in rockigem Gewand und mit einer Prise irischem Folk zu präsentieren und so selbst in nüchterne schwäbische Veranstaltungshallen eine frische Nordseebrise samt einer guten Portion Seefahrerromantik zu bringen. Sie schlugen auch ungewohnt politische und ernste Töne an – musikalisch ebenso wie in Appellen von Frontmann Björn Both.

Im Land „braut sich was zusammen“

Der Titelsong des neuen Albums „Da braut sich was zusammen“ scheint nur auf den ersten Blick vor einem Sturm auf See zu warnen. Denn die dunklen Wolken ziehen nicht übers Meer, sondern übers Land. „Mein Freund, ich habe große Angst vor dem, was da noch kommt“, heißt eine Textzeile, „noch stellen wir uns blind und stumm, reiß das Ruder noch mal rum“, eine andere.

Hans-Timm Hinrichsen (links) und Björn Both. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Freiheit, machen die Nordlichter deutlich, ist eben nicht nur die romantisch-verklärte Freiheit auf See. Freiheit heißt auch, dass jeder in einer Demokratie sein eigenes Leben führen kann. Und Freiheit bedeutet: Nie wieder Krieg – oder, wie Santiano vor dramatisch rot gefärbtem Videohintergrund singen: No war – no more. „Wir meinen damit all die größenwahnsinnigen Despoten, die gerade die ganze Welt in Brand setzen, und diejenigen, die der Profite durch Kriege harren“, setzt Both noch eins drauf.

Wummernde Bässe übertönen mitunter alles

Ein weiteres Thema, das der Band am Herzen liegt, ist der Schutz der Weltmeere – Santiano sind Botschafter der deutschen UN-Ozeandekade und unterstützen verschiedene Meeresorganisationen.

Schade nur, dass die Texte phasenweise wegen der schieren Lautstärke der Musik und den in Bauch und Brust vibrierenden Bässen unverständlich bleiben, wenn man sich nicht sehr konzentriert. Auch die Feinheiten der Musik, etwa die vom mittlerweile 76-jährigen Pete Sage, dem einzigen Engländer in der Band, unverändert virtuos gespielte Geige, gehen leider manchmal etwas unter. Dafür singt sich Both im Laufe des Konzerts immer mehr ein. Dass die Band seit dem 17. März, dem Start der großen Arena-Tour zum neuen Album, fast jeden Tag ein Konzert gespielt hat, blieb bei ihm, anders als bei seinen Kollegen Hans-Timm Hinrichsen und Axel Stosberg, nicht ohne Folgen: „Rum ist leer, Stimme ist im A...“, machte sich der Frontmann über seinen anfänglichen Frosch im Hals lustig.

Rundum gelungene Mischung

Neben neuen Titeln wie dem rockigen „Ekke Nekkepen“, in dem die nordfriesische Sagengestalt zum Leben erweckt wird, oder dem sanft-melodiösen „Wie ein Albatros“ präsentieren Santiano auch schwungvolle Klassiker wie „Gott muss ein Seemann sein“, „Mädchen aus Haithabu“ oder den namensgebenden Shanty „Santiano“.

Bühnenshow mit Spezialeffekten. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Alles untermalt nicht nur mit passenden Videos im Bühnenhintergrund, sondern auch mit Feuerfontänen, von der Decke fallenden goldfarbenen Glitzerstreifen oder vom Bühnenrand ins Publikum gepusteten „Schneeflocken“. Und wer im Publikum am Schluss immer noch nicht tanzt, der singt wenigstens mit zum fast schon hymnischen „Hoch im Norden“ und schreckt auch als Schwabe nicht vor der Behauptung zurück, dort sei er zu Hause.