Mit sanften Tönen zieht Johannes Oerding das Publikum in Stuttgart in den Bann – eine Band der Extraklasse sorgt für den Punch. Das Konzert ist eine Liebeserklärung an die Livemusik.
Es ist der Hit, der das Publikum am späten Dienstagabend aus den Sitzen katapultiert. Das Publikum reißt die Hände in der Schleyerhalle in die Höhe, tanzt, klatscht, singt jede Textzeile des Songs „An guten Tagen“ mit. Der Gute-Laune-Beat peitscht das Konzert von Johannes Oerding nach rund zweieinhalb Stunden auf die Schlussgerade.
Dabei fällt der Song ein wenig aus der Reihe. Denn es sind eher die leisen Töne, die der Popbarde in der Schleyerhalle in Stuttgart anschlägt. Es wird emotional, wenn der 44-Jährige alleine am Mikrofon steht und seine Akustikgitarre anschlägt. „Lasst uns das öfter machen“, fordert Oerding. „Mit echten Menschen, mit echter Musik.“ Das Publikum, so wünscht es sich der Musiker, solle sich über ein paar schöne Sekunden freuen. „Bei all den Verrückten da draußen, die die Welt unter sich aufteilen.“
Ein Fest für Musik-Connaisseure
Sämtliche Songs des Popbarden mit der Reibeisenstimme sind solotauglich. Das war Oerding beim Songwriting wichtig. Doch die Wucht, mit der seine Band die Lieder aus den Boxen presst, verwandelt das Konzert in ein Fest für Musik-Connaisseure. Eingängige Bassläufe, ein wummernder Wurlitzer-Teppich, ein sattes Banjo-Brett: Was sich andere von Band einspielen lassen, bekommt Oerding live von seinen Musikern serviert. Die Band performt die Lieder so präzise und setzt Akzente genau an den richtigen Stellen. Es wirkt fast so, als würden sie nicht auf der Bühne stehen, sondern einen lupenreinen Track im Studio einspielen. „Danke, dass ihr Bock auf Livemusik habt“, sagt Oerding zu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Diesen Dank kann man nur zurückgeben.
Der Pop-Purismus geht aber fast ein bisschen zu weit. Ja, die Bühnenshow lebt von der Musik. Aber ein bisschen mehr Lametta dürfte es sein. Es knallt genau zweimal aus einer Pyroröhre: Zu Beginn, als der Vorhang fällt, und dann noch einmal, als die Band nach der Akustikversion von „Niemals zu spät“ wieder einsteigt. Das wars. Oerding verzichtet auf pompöse Ablenkung. Ein Blitzlichtgewitter ist nur dem Drummer gegönnt bei seinem Schlagzeugsolo. Ansonsten besinnt sich die Lichtshow auf Spotlights, ein paar bunte Scheinwerfer und ein Leuchtband auf der Bühne.
Viel Show braucht Oerding aber auch nicht. Mit charmanten Sprüchen zieht er das Publikum auf seine Seite. „Ich bin so was wie der fünfte Mann der Fantastischen Vier“, scherzt Oerding mit dem elfjährigen Louis in der ersten Reihe. Eine Schallplatte will er dem jungen Zuschauer schenken, erklärt ihm aber erst einmal, was das ist. Also ähnlich wie eine CD, nur größer.
Wie ein Ausflug mit alten Freunden
Solche Momente lassen das Hallenkonzert plötzlich so wirken, als säße man gemeinsam beim Campingausflug am Lagerfeuer – und der Johannes holt die Klampfe raus. Da fällt es gar nicht ins Gewicht, dass ähnlich wie in München und Frankfurt noch Luft zwischen den Stuhlreihen ist. Niemand muss drängeln, um den Sänger aus nächster Nähe vom Bühnenrand aus zu bewundern, wenn er das „Eins-zu-eins-Gespräch“ anstimmt oder mit seinem Gitarristen, dem gebürtigen Stuttgarter Moritz Stahl, auf Barhockern ein paar Schwäbisch-Scherze reißt – um dann mit dreistimmigem Gesang die Lieder „Wimpernschlag“ und „Hotel“ zu schmettern.
Ohne viel Glitzer darf dann auch noch Sängerin Luca Grace auf die Bühne. Für das Lied „Märchen aus Hollywood“ übernimmt die ehemalige „The Voice of Germany“- Teilnehmerin den Gesangspart von Sarah Connor – und stimmt ein Duett mit Oerding an, der in Stuttgart den zwölften Stopp auf seiner Arena-Tour einlegt. Fast täglich tritt der Hamburger derzeit auf. Noch drei Hallenkonzerte hat Oerding vor sich, in Freiburg, Leipzig und Berlin.
Doch auch danach gönnt sich der Gastgeber der Vox-Sendung „Sing meinen Song“ keine Ruhepause. Bereits Mitte Mai startet das erste seiner neun Open-Air-Auftritte.