Bei seiner „Catalogue“-Tour holt der mit Ultravox groß gewordene Sänger Midge Ure aus jedem Jahrzehnt seines Schaffens Hits hervor. Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert im Stuttgarter Theaterhaus.
Erwischt: „Ihr seid also viel älter, als ihr ausseht“, ruft der 71-Jährige von der Bühne, nach dem Song „Sleepwalk“. Danach rauscht ein gewaltiger Begeisterungssturm durch das Theaterhaus an diesem Mittwoch im März – dabei ist Midge Ure schon beim siebten Lied angekommen. Doch dieser recht simpel gestrickte Knaller aus den Anfangszeiten der 80er-Jahre Band Ultravox hatte offenbar noch gefehlt. Oder war es Ures Anmoderation, man würde nun in eine Zeitmaschine steigen und einen „Ancient, ancient, ancient . . . ancient, really ancient“ Song spielen? Egal. Der Saal tobt – und wird noch lauter werden.
Auch Werke aus der Zeit mit Visage und Richt Kids sind dabei
Doch erst erklärt der Schotte an der Gitarre, was er sich gedacht hat bei seiner „Catalogue“-Tour, die er mit einem seligen Genießergrinsen an diesem Abend in Stuttgart abschließt. Er hat sich sein Schaffen über die Jahrzehnte angeschaut, und aus jedem etwas ausgewählt. Wer nur die berühmten Ultravox-Hits kennt, könnte verwirrt sein. „The boys are back in town“ röhrt er rockend: Midge Ure covert hier nicht, er spielt ein Lied einer Band, der er zeitweise angehörte. Thin Lizzy half er aus, als Gary Moore 1979 überraschend ausgestiegen war, tourte mit ihnen durch die USA. Natürlich fehlen auch Werke aus seiner Zeit mit Visage („Fade to grey“) und Rich Kids („Marching Man“) nicht. Kennt man das Prinzip der Auswahl, versteht man, warum er am Anfang losrockte: Ure war nie nur weicher Pop. Rock, New Wave und Post Punk: Er hat sich durchgespielt, wandelfähig, aber unverbogen.
Die Band gibt der Stimme – DER Stimme – den Raum, der ihr gebührt
Der Mann mit der mal röhrenden, mal supersanften Stimme erzählt auch, mit welchem Lied er als Stöpsel versucht habe, Gitarre zu lernen: „The Super-Natural“ von John Mayall & the Bluesbreakers. Spielt es, natürlich von einem bescheidenen „still trying“ anmoderiert, wie es nur einem lebenslang lernenden und suchenden Künstler über die Lippen kommt. Über das Versuchsstadium ist er natürlich seit Jahrzehnten hinaus. Als großen Gitarristen hat man ihn aber unfairerweise nicht gespeichert. Er zeigt, dass das ein Fehler war. Nur selten wird der Sound ein wenig sumpfig und überdeckt Midge Ures Stimme, doch überwiegend hat der prägende Gesang des Arbeitersohns aus Glasgow den Raum, der ihr gebührt.
Eine der stärksten Passagen des Ritts durch die Jahrzehnte ist der Moment, als es ganz ruhig wird. Midge Ure nimmt Platz am Rande des Bandpodestes, mit seinen jungen Kollegen. „The Maker“ spielen sie hier, reduziert und mit einer Laute folkloristisch angehaucht. Ein Stück, mit dem Midge Ure die Leute auch deswegen emotional abholt, weil er erzählt, dass er es darüber geschrieben, als er darüber nachdachte, wie es wohl wäre, wenn alles in der Welt noch schlimmer werden würde. Ganz passend findet er es in der aktuellen Lage, in der in manchen Ländern „Idiots“ regieren. Applaus und Wehmut im Publikum dafür. Und „The Maker“ macht in dieser intimen Version genug Platz für das, was Fans schon vor 40 Jahren verzauberte – die Stimme, die mal diesen flehentlichen Schmelz, mal diese treibende Power hat. „Breathe“, das große Comeback in einem Werbespot für Schweizer Plastikuhren, hängt er im gleichen Setting mit dran.
Noch so eine Anspielung aufs Alter der Fans – und Dank für ihren Gesang
„Ihr mögt die alten Hits“, stellt der jung gebliebene Schotte ein weiteres Mal – unnötigerweise – fest. Und die ganz großen, die hebt er sich für das Finale auf. Bei „Hymn“ wird der Theaterhaussaal zum Tempel, gemeinsam singen die in Ehre mit-ergrauten Fans. „Dankeschön, great singing“, ruft Midge Ure. Wer dankt hier wem, wer singt für wen? Ein paar Minuten lang ist das egal, die Melancholie der vergangenen Jugend verbindet – bis hin zum Finale: „Dancing with tears in my eyes“ aus mehr als 1000 geübten Kehlen, die das einst mit Schulterpolster, Kajal und Oberlippenbärtchen sangen. Ein würdiger Abschluss einer Tour mit einem „Catalogue“ des Lebenswerks.
Setlist Midge Ure im Theaterhaus
• Marching Man
• Passing Strangers
• If I was
• Reap the Wild Wind
• May Your Good Lord
• No Regrets
• Sleepwalk
• The Super-Natural
• Your Name has Slipped my Mind Again
• Lament
• The Maker
• Breathe
• Fragile
• Vienna
• Fade to Grey
• Love’s Great Adventure
• Hymn
• The Boys are back in Town
• One Small Day
• Dancing with Tears in my Eyes
• Zugabe: The Voice