Der Singer-Songwriter Bosse hat am Dienstagabend mit seiner Band in Stuttgart gespielt. Kritik, Fotos und Setlist vom Konzert in der Porsche-Arena.
Manchmal sieht man in der Stadt alte Flaschensammler, die Mülleimer so kritisch in Augenschein nehmen, wie gute Ingenieure die Sollbruchstellen tragender Teile begutachten. Es geht um Würde. Die scheint auch Axel Bosse wichtig zu sein, als sich bei seinem Konzert gerade mal 2000 Zuschauer in der Porsche-Arena verlieren, in die dreimal so viel Leute passen. „Ich guck hier rein und freu mich einfach so dolle“, sagt der Singer-Songwriter aus Braunschweig.
Natürlich hat er trotz des überschaubaren Andrangs sein ganzes Entertainment-Arsenal nach Stuttgart mitgebracht: Den lauten Drummer und den kaum vernehmbaren Cellisten, den kreativen Trompeter, drei Bühnenvorhänge sowie die Malerleiter, auf der Bosse etwa zur Halbzeit seiner zweistündigen Show von der Nebelmaschine umtost und von Konfetti und Altpapier beregnet Intimität in der Hallenmitte suggeriert, als in seinem Song „Ein Traum“ Techno losballert.
Unplugged gelingt Bosse der musikalische Höhepunkt
Ebenfalls nach Stuttgart karren lassen hat Bosse das karge Zweitschlagzeug für das Akustik-Set, in dem beim Song „Alter Strand“ Gypsy-Rhythmen auf eine Form von Backing-Vocal-Ekstase treffen, die entfernt nach Gospel klingt. Das ist der vor Spiellust sprühende und dabei hoch konzentrierte musikalische Höhepunkt eines zuweilen etwas beliebig klingenden Konzerts, in dem der erwähnte Techno bald Richtung Eurodance kippt und mit der Zeit strapaziert, in dessen Verlauf Rock mit Hip-Hop-Attitüde gelegentlich bemüht jung für den 46-jährigen Bosse wirkt, und Pop mit Indie-Note selten die Pfade des Gewohnten verlässt.
Das ist auf Bosses Alben – zehn hat er mittlerweile veröffentlicht – anders, vor allem auf der letzten Platte, die „Stabile Poesie“ heißt und originelle, manchmal lustige Sounds beherbergt. Live in Stuttgart muss er, weil auf Platte vieles gar so hübsch arrangiert ist, beinahe zwangsläufig mit Traumzerplatzung statt Traumauffächerung beginnen: Die Bandmitglieder als Chorsänger vermögen die Dringlichkeit des Chors in der Studio-Version des Openers „Lass dich nicht zwicken“ live nicht ganz nachzubilden, und auch das in der Album-Version ausgefeilte Streich-Arrangement im zweiten Song „Ouvertüre“ kracht mit der Realität weit weniger gestrichener Saiten auf der Bühne zusammen.
Mit weniger kunstvoll aufgerauter Stimme als auf Platte trägt Bosse in der Porsche-Arena seine Texte vor, die bei schwierigem Sound nicht immer zu verstehen sind, was manchmal schade ist, wenn hübsche kleine Alltagsbeobachtungen im dröhnenden Hallenecho untergehen. Manchmal vermisst man die Klarheit der Wortwerdung seiner Dauereuphorie aber nicht so sehr, etwa wenn Bosse auf nicht allzu hohem Reflexionsniveau im Lied „Alles ist jetzt“ singt: „Das Leben ist kurz – zu kurz für ein langes Gesicht.“
„Ist nicht gesund, Kampf um Kampf, weil du es grad nicht ändern kannst“, verlautet Bosse später in „So oder so“: Manche seiner Liedzeilen klingen wie aus dem Selbstoptimierungs -Teil eines Management-Seminars, andere überzeugen mit Lakonie: „Unsre Liebe geht vorbei und der Liebeskummer auch“, heißt es in „Peu a peu“. Am besten gelingen Bosse beiläufige Beschreibungen alltäglicher Begebenheiten, die darauf vertrauen, dass ein wuchtiger Dance-Beat den Kitsch schon aussperren wird, dem Bosse andernorts die Tür sperrangelweit aufreißt, etwa wenn er im Song „Schwesterherz“ tatsächlich unerschrocken Herz auf Schmerz reimt. Und zur Not geht mit euphorischer Inszenierung auch Mittvierziger-Nostalgie wie im Song „Nokia“ als Grenzverschiebung durch.
So geht das dahin, Bosse will Hände sehen, und viele im Publikum zeigen ihre her. „Ihr seid ein ganz toller Haufen“, sagt der Sänger einmal zu seinen Fans. Und als sein Konzert schon weit fortgeschritten ist, kommt der in seinen Ansagen zuweilen etwas langatmig agierende Sänger auf den Punkt: „Super, dass wir in so ner Halle spielen können. Klar, sie ist nicht ganz voll, aber ist doch scheißegal.“
Bosses Setlist in Stuttgart
- Lass dich nicht zwicken
- Ouvertüre
- Frankfurt Oder
- Flackern
- Alles ist jetzt
- Vergangenheit
- Dein Hurra
- Sunnyside
- Alter Strand
- Nokia
- Ein Traum
- Einmal alles bitte
- Peu a peu
- Schwesterherz
- So oder so
- All-Time Favourite
- Schönste Zeit
- Liebe hat nicht ewig Zeit
- Du federst
- Der letzte Tanz