Die Wiener Band Wanda ist am Montagabend in Stuttgart aufgetreten: Kritik und Setlist von einem schweißtreibenden Konzert im Beethovensaal der Liederhalle.
Hoffentlich untersucht bald mal jemand, welcher Prozentsatz der nach „Bologna“ fahrenden Touristen aus dem deutschsprachigem Raum von dem gleichnamigen Lied zur Reise inspiriert wurde, das die Wiener Band Wanda zu Beginn und am Ende ihres Konzerts in Stuttgart spielt. Nach der Begeisterung des textsicheren Publikums im Beethovensaal der Liederhalle zu schließen, das bei der letzten Zugabe noch ein bisschen ausgelassener hüpft, müssten die Züge Richtung Italien im Sommer wieder voll sein.
Zwischen „Bologna“ 1 und „Bologna“ 2 liegen gut anderthalb Stunden kraftvoll treibender Indie-Rock der live von drei auf sechs leidenschaftliche Musiker gewachsenen Band. Zwei rustikal gedroschene Gitarren (oder sogar drei, wenn der Sänger Marco Michael Wanda wie in „Weiter, weiter“ selbst mit Hand anlegt) bieten einer überwiegend gewittrig agierenden Schlagzeug-und-Bass-Einheit routiniert Paroli. Dazu tupft der Ersatzmann für den 2022 gestorbenen Keyboarder Christian Hummer zuweilen Sphärisches in den mit 3200 Zuschauern nahezu ausverkauften Saal.
Intensiver Gesang und tiefe Züge
Sein Tod habe alles verändert, sagt Marco Michael Wanda, der eigentlich Michael Marco Fitzthum heißt, in Interviews, und bei der Zehn-Erfolgsjahre-Feier in Stuttgart hat man das Gefühl, dass sich sein aus Trauer extrahierter neuer Lebenshunger in alten Hits wie „Bussi Baby“ oder „Columbo“ und erstaunlich reflektierten neuen Liedern wie „Bei niemand anders“ in noch intensiverem Gesang und mit zunehmender Konzertdauer in noch tieferen Zügen an seinen Zigaretten manifestiert.
Letzteres ist unvernünftig, gilt aber als Rock ‘n‘ Roll und passt zu Wandas sehr spezieller Art von Aufbruchshymen, die das Scheitern jederzeit antizipieren und mithin auch für verhinderte Reisende mit löchrigen Schuhen und kaputten Autos genießbar sein dürften. Dass sie ein Sänger mit lichtem Haar und jener seit Falcos Ableben selten gewordenen magischen Mixtur aus Überschwang und Überheblichkeit in der Stimme wie Sturmgebete zelebriert, macht diese Lieder noch stringenter: In Zeiten, in denen sogar Supermarktwerbung mitunter Weltenrettung per Warenwahl vorgaukelt, wirkt das brüchige Eingeständnis der eigener Endlichkeit fast wie ein revolutionärer Akt.
Sonnige Regentage
„Es soll morgen zwar regnen, aber sonnig sein“, singt Marco Michael Wanda in „Immer OK“ vom neuen Album „Ende nie“. In den stärksten Momenten seines schweißtreibenden und übrigens ziemlich lauten Konzerts könnte man glauben, seine Glücksformel entschlüsselt zu haben, die derart wetterfeste Perspektiven ermöglicht. Aber dann ruft er „Stuttgaaart!“ und man merkt, dass es womöglich gar keiner Formel bedarf.
Wandas Setlist in Stuttgart
1. Bologna
2. Kairo Downtown
3. Wir sind verloren
4. Weiter, weiter
5. Schickt mir die Post
6. Jurrasic Park
7. Wachgeküsst
8. Auseinandergehen ist schwer
9. Luzia
10. Lascia mi fare
11. Va bene
12. Meine beiden Schwestern
13. Ich will Schnaps
14. Immer OK
15. Niemand was schuldig
16. Bei niemand anders
17. Bussi Baby
18. Columbo
19. 1, 2, 3, 4
20. Bologna