Die Band Element of Crime hat am Donnerstagabend im Beethovensaal der Liederhalle gespielt. Kritik und Setlist von einem starken Konzert.
Man nimmt das oft als selbstverständlich hin, dass hierzulande die meisten ein zweites Hemd zum Wechseln besitzen, dass viele hin und wieder das Meer sehen dürfen, und dass fast allen unbeschränkter Zugang zum Werk der Band Element of Crime offensteht, die zuverlässig aufsehenerregende Lyrik mittels wunderschöner Musik transportiert. Dabei ist es ein großes Privileg, dem herausragenden Texter und Trompeter Sven Regener und seinen fünf Mitstreitern 40 Jahre nach der Bandgründung bei der geschmackvollen Reproduktion des Außergewöhnlichen zuhören zu dürfen.
Im ausverkauften Beethovensaal der Liederhalle legt Regener angemessene Rauheit in seine Stimme, wenn er relativ neue Lieder wie „Unscharf mit Katze“ singt, die klingen, als würde das angejahrte Personal aus Bodo Kirchhoffs Spätwerk-Romanen von E-Gitarren gepiesackt. „Wir haben keine Lösung, wir haben Lieder“, deklamiert er in diesem Song, der wie fast alle seine Lieder Konzertgänger in die Lage versetzt, sich als Entdecker fühlen zu dürfen.
Sven Regener will nur spielen
Der auch als Romancier höchst aktive Bremer sieht mit 65 offensiv bebrillt im Anzug wie die Idealbesetzung eines auf seiner letzten Buchmesse nochmal von großen Zeiten schwärmenden Literaturkritikers aus. Zugleich hat seine beim Singen rudernde Hand mit Trompete unter Fans mittlerweile einen fast so ikonografischen Status erlangt wie die Fahne in der Hand der Revolutionärin im berühmten Ölgemälde von Eugène Delacroix. Doch er will nur spielen: Anschmiegsam schlängelt sich das Akkordeon im alten Lied „Wahr und gut und schön“ zwischen bedeutungsvolle Zeilen, das Saxofon unterfüttert Regeners Schmetter-Trompete sämig, und später, wenn die Gitarre solistische Sanftheit beisteuert, wie in „Gelohnt hat es sich nicht“, bekommt die Melancholie Flügel.
Am besten klingt Element of Crime in Stuttgart, wenn sich die versierten Solisten der Band in bebender Gleichzeitigkeit versuchen, etwa wie in „Delmenhorst“. Da nähert sich das knapp zweistündige Konzert schon seinem offiziellen Ende mit dem Lieblingslied „Am Ende denk ich immer nur an dich“, das eine Ironie der deutschen Popgeschichte verdeutlicht: Die eigentlichen Wegbereiter des Schlaumeier-Pop fürchten weder Gefühl noch Pathos. Textprobe: „Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen / bevor er endlich einmal sagt: ,Ich bin dafür / die böse Tat des Beinestellens zu unterlassen‘? / Und darf ich irgendwann noch mal zurück zu Dir?“
Aller Poesie zum Trotz ist das Songprogramm von Element of Crime mit starrer Setlist und stets angemessenem Ausdruck auf seine Art mittlerweile so minutiös durchchoreografiert wie ein Taylor-Swift-Konzert. Die Abtrennung des letzten Konzertviertels als ausufernder Zugabenblock wirkt deshalb etwas künstlich. Aber erstens hat Sven Regener Humor und empfiehlt schon zu Beginn des Konzerts den Toilettengang als soziales Experiment. Zweitens schwappt nun die Tex-Mex-Energie über, und drittens wird jetzt endlich „Weißes Papier“ gespielt.
Die Setlist von Element of Crime in Stuttgart
- Wenn der Morgen graut
- Unscharf mit Katze
- Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang
- Wahr und gut und schön
- Die letzte U-Bahn geht später
- Dann kommst du wieder
- Gelohnt hat es sich nicht
- In mondlosen Nächten
- You Shouldn’t Be Lonely
- Immer unter Strom
- Morgens um vier
- Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei
- Seit der Himmel
- Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen
- Straßenbahn des Todes
- Delmenhorst
- Immer da wo du bist bin ich nie
- Am Ende denk ich immer nur an dich
- Mehr als sie erlaubt
- Du hast die Wahl
- Ein Hotdog unten am Hafen
- Weißes Papier
- Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
- Long Long Summer