Elisabeth Leonskaja, hier bei einem Konzert in Bochum Foto: IMAGO/Funke Foto Services/IMAGO/Socrates Tassos

Die Pianistin Elisabeth Leonskaja hat bei den „Meisterpianisten“ in der Liederhalle Klaviersonaten des Komponisten gespielt – und das Publikum ins Glück versetzt.

In den Konzertsälen von heute gibt es viele Opfer. Unter ihnen sind vor allem Komponisten, deren Musik zunächst nahbar und leicht wirkt, am Ende aber auch einfordert, was in unserer so emotional überreizten Zeit unter Musizierenden nicht mehr häufig anzutreffen ist: Muße, Bescheidenheit, Geschmack, Erfahrung. Mozart zählt zu diesen Opfern. Ebenso Chopin. Und Schubert.

 

Wie oft werden dessen Klänge, aufgespannt zwischen Nach-Beethovenschem Auftrumpfen und schlichtem Singen, von Interpreten missbraucht! Und wie oft endet dann Schuberts feines Gefühl dann auf dem Altar der Sentimentalität – auf dass seine endlos traurigen Melodien noch für das eine oder andere Tränchen im Parkett oder für den einen oder anderen erhobenen Daumen in den sozialen Medien gut seien.

Alte russische Pianistenschule

Beim Stuttgarter „Meisterpianisten“-Abend von Elisabeth Leonskaja im Beethovensaal gibt es ausschließlich Franz Schubert, aber nichts Sentimentales. Körperlich getragen von den typischen weiten Armbewegungen der alten russischen Pianistenschule, nähert sich die 78-jährige georgisch-russische Wahl-Wienerin der D-Dur-Sonate D 850 (der so genannten „Gasteiner“) sehr vorsichtig, ohne emotionale Aufladung, selbst bei den ungestümen Akkordwiederholungen und Triolen ohne alle Attitüde: wie wenn hier etwas erst einmal zu untersuchen und zu analysieren sei.

Das Hochvirtuose der Musik bleibt als Selbstverständlichkeit im Hintergrund – Leonskaja muss niemandem (mehr) etwas beweisen, am wenigsten sich selbst. Im zweiten Satz des Stücks, der eher in der Haltung ein langsamer ist als in seinem Tempo, hört man weder das Legato, das die Partitur einfordert, noch ein Zuviel an Gefühl. Keine äußeren Effekte, dafür ein Maximum an Klarheit und Einfachheit. Ein Satz als Prozess des Sich-Hineinbohrens in Schuberts Klangwelt. Das Widerborstige des Scherzos hat hier etwas Schlichtes, Volkstümliches, und das Thema des Finalrondos formt Leonskaja zu einer zarten Spieldosenmusik.

Die totale Entdramatisierung

Dann, bei Schuberts letzter Sonate D 960, einer seiner meistgespielten und meistgeschundenen, in dem Satz mit dem wohl schrecklichsten Triller der Musikliteratur, erlebt man die totale Entdramatisierung. Oder, anders formuliert: eine packende interpretatorische Integration. Bei Elisabeth Leonskaja darf alles nebeneinander da sein, keine Spannungen werden ins Extrem getrieben, stattdessen erlebt man Versöhnung und die beglückende Transformation eines Trillers. Die Energie reicht hinein in den zweiten Satz, in dem die Zeit stehenbleibt – und manchmal auch der Herzschlag der Musik.

Auch bei der leise lächelnden Frau auf dem Klavierhocker ist die Zeit stehengeblieben. Das ist ergreifend. So wie Elisabeth Leonskaja spielt heute keine Pianistin (mehr), kein Pianist. Selbst als sie bei den Zugaben nach einem Debussy-Doppelschlag bei einem Mozartsatz erschöpft ein wenig den roten Faden verliert, bleibt das Lächeln da. Auch in den Gesichtern des Publikums. Das hat spätestens hier beglückt begriffen, wie groß Schubert wirklich ist. Und wie viel Kraft in der Ruhe liegen kann.