The Wailers sind am Freitagabend in Stuttgart aufgetreten. Kritik, Fotos, Setlist und Backstage-Eindrücke von einem spannenden Reggae-Konzert im Wizemann.
Wo Palmen wachsen und die Sonne Jamaika nachahmt, läuft meistens irgendwo Bob Marleys Greatest-Hits-Album „Legend“, vor allem auf tropischen Inseln. Ob in der Karibik, in Afrika oder in Asien: meistens versucht sich abends die eine oder andere Coverband an den Liedern dieses Jahrhundert-Albums, die im Gegentakt von der Liebe und vom Aufbegehren handeln.
„Nichts an unserer Band ist Cover“, sagt Aston Barrett Jr., der Bassist und Bandleaders der Wailers, im Keller des Stuttgarter Konzertzentrums Wizemann, der als Backstage-Bereich fungiert. Niemand aus der aktuellen Manifestation der Wailers – einst Bob Marleys Band, später seine Begleitformation, und nach Marleys frühem Tod 1981 dessen Live-Nachlassverwalterin – hat je mit dem ersten Superstar der Dritten Welt musiziert. Aber Aston Barrett Jr. hat von seinem im Februar 2024 gestorbenen Vater Aston „Family Man“ Barrett, Bob Marleys langjährigem Bassisten und Bandleader, die Band geerbt oder zumindest deren Namen. „Als Familiy Man in den Ruhestand ging, übergab er mir die Leitung der Band“, sagt sein 34-jähriger Sohn im Backstage-Keller: „Die Energie, das Wissen und die Musik der Wailers wurden von ihm an mich weitergegeben.“
Erinnerung an Bob Marleys cooles Schlurfen
Man glaubt tatsächlich, etwas in der Art hören zu können, als die Wailers später ein Stockwerk höher im Saal des Wizemann mit „Lively Up Yourself“ ihr 100-minütiges Konzert eröffnen: Manchmal ist man geneigt zu vergessen, wie schwergängig die vermeintliche Leichtigkeit von erstklassigem Roots-Reggae zuweilen klingt. Aber das intuitive Zusammenspiel des Bauchmassier-Basses von Aston Barrett Jr. mit der bis knapp an ihren Zerreißpunkt hochgetunten Snaredrum, auf die Carl Benjamin schlägt, ruft das coole Schlurfen in Erinnerung, mit dem Bob Marley einst seine durchaus radikale Botschaft von Liebe, Frieden und Einheit transportiert hat.
„Love, Peace, Unity!“, ruft Mitchell Brunings später, der derzeitige Sänger der Wailers. Manchmal macht er ein bisschen zu viel Pantomime, aber die Vagheit in seiner Singstimme erinnert an Bob Marleys clever eingesetztes Kontrast-Timbre zur klaren Botschaft, und Brunings macht eine engagierte Einheiz-Show. Spätestens von „Is This Love“ an, dem zweiten Song des Abends, spürt man, wie gut er Bob Marleys Werk durchdrungen hat.
„Is This Love“ eröffnete 1984 Bob Marleys Greatest-Hits-Album „Legend“, dessen 40. Geburtstag die Wailers nun schon seit geraumer Zeit live feiern. In Stuttgart spielen sie alle 14 Lieder dieses Albums, dazu die beiden alten Nummern „Lively Up Yourself“ und „Keep on Moving“ sowie „Evolution“ vom gleichnamigen aktuellen Album der Wailers vom August 2024.
„Wir planen, mehr unserer neuen Lieder ins Programm zu nehmen, aber das hängt davon ab, was auf der Welt passiert“, sagt Aston Barrett Jr. auf dem schwarzen Kunstleder-Sessel im Backstage-Keller. Die neuen Songs würden mehr von Liebe handeln. Über Unterdrückung hingegen hätte Bob Marley die gültigen Lieder eben schon geschrieben, und sie zu spielen, sei eine Ehre. „Bob Marleys Musik ist nicht alt und nicht neu, sie ist einfach da“, sagt Aston Barrett Jr.
Oben in der Halle ist es spannend zu erleben, wie die Wailers im grün-rot-goldenen Scheinwerferlicht musikalische Traditionspflege mit behutsamer Neuinterpretation verbinden: In „Could You Be Loved“, der allerletzten Zugabe, gelingt den starken Backing-Sängerinnen mit beinahe originalgetreuen Harmonien eine rührende Hommage an die I-Threes, Bob Marleys Backing-Trio. Aber in „Waiting In Vain“ zum Beispiel kriecht aus dem Keyboard plötzlich keck Flötiges, das zu Bob Marleys Lebzeiten so noch nicht erfunden war. Und die Art, wie Aston Barrett Jr. ausgerechnet mit einer flink umgehängten E-Gitarre den „Redemption Song“ besonders bassverliebt begleitet, offenbart mindestens so viel Experimentierfreude wie Ehrfurcht.
„Emancipate yourselves from mental slavery“ heißt es in diesem Lied. „Stand up for your right“, fordert Mitchell Brunings mit ähnlich inspirierender Verve wie einst Bob Marley im Song „Get Up, Stand Up“, den die Wailers in Stuttgart wunderbar rumpelig präsentierten. Und doch heißt es in „Three Little Birds“: „Don’t worry about a thing.“ Dass anno 2025 viele der 1300 Zuschauer im ausverkauften Wizemann dieses kleine, zuversichtliche Lied, in dem es darum geht, dass alles gut wird, so enthusiastisch mitsingen wie eine Stadion-Hymne, hätte Bob Marley bestimmt gefreut. „Er hat seine Mission erfüllt“, sagt Aston Barrett Jr. im Backstage-Keller und erklärt noch schnell, was ein Mitglied der Band The Wailers definiert: „Wie Peter Tosh gesagt hat: ,Um ein Wailer zu sein, musst du ein paarmal weinen.‘ Wir haben oft geweint, speziell beim Leiten dieser Band und dabei, sie so zu lassen, wie sie ist.“
Die Setlist der Wailers in Stuttgart
1. Lively Up Yourself
2. Is This Love
3. No Woman, No Cry
4. Stir It Up
5. Waiting In Vain
6. I Shot The Sheriff
7. Satisfy My Soul
8. Three Little Birds
9. One Love/People Get Ready
10. Jammin‘
11. Get Up, Stand Up
12. Exodus
13. Redemption Song
14. Evolution
15. Keep On Moving
16. Buffalo Soldier
17. Could You Be Loved