Das Publikum dankte den Ausführenden mit viel Applaus und Bravo-Rufen. Foto: Ulrich Köppen

In der Sindelfinger Martinskirche wurde erstmals Mendelssohns „Paulus“ aufgeführt. Das Publikum war begeistert.

Als das Oratorium Paulus von Felix Mendelssohn-Bartholdy in England erstmals aufgeführt wurde, erklang es in den darauffolgenden Wochen 50 Mal. Die englische Premiere fand in Liverpool statt. Auch für die Sindelfinger Martinskirche war es eine Premiere, denn sie erklang in der romanischen Kirche mit der wunderbaren Akustik zum allerersten Mal – Samstag und Sonntag. Ähnlich wie in Großbritannien war auch der Erfolg beim Publikum phänomenal.

 

Kein Wunder, denn die Chöre – der Sindelfinger Jugendchor und Capella nuova – hatten für ein gutes Ergebnis über ein halbes Jahr geprobt. Bezirkskantor Daniel Tepper hatte zudem mit dem Orchester L’Arpa festante ein hoch professionelles Instrumentalensemble engagiert. Und auch die Auswahl der Gesangssolisten ließ keine Wünsche übrig. Exzellent war nicht nur die interpretatorische Leistung, sondern auch das Standvermögen, denn die Aufführung dauerte inklusive einer Pause knappe drei Stunden. Es ist nicht nur eine Beanspruchung der körperlichen Leistungsfähigkeit, sondern es wurde bezüglich der mentalen Konzentration etliches verlangt.

Mit Beethoven’scher Wucht erklang die Ouvertüre, die vereinigten Chöre und das Orchester interpretierten die komplexen Strukturen so, als würden sie schon lange zusammenspielen. Es entstand ein Klangbild von großer Ausdruckskraft und großartiger Geschlossenheit. Eine gute Idee war es sicherlich, in der Mitte für die Ausführenden und das Publikum eine 20-minütige Verschnaufpause einzurichten. So konnte der Spannungsbogen von den ersten Klängen an erneut aufgebaut und bis zum letzten Schlussakkord gehalten werden.

Faszinierender Abwechslungsreichtum

Neben der großen Wirkung gab es auch wunderbare musikantische Details zu beobachten, etwa die poesievolle Flötenuntermalung des Chores „Seid uns gnädig“ oder die stimmungsvolle Begleitung der Tenorcavatina „Sei getreu bis in den Tod“ durch die Celli. Mendelssohn, der in seiner Jugend auch einige Opern schrieb, hat in sein abwechslungsreiches Werk aus Chören, Rezitativen und Orchesterpartien auch Solistenduette eingebaut, so dass ein faszinierender Abwechslungsreichtum entstand. Das gilt auch für das sehr dialogisch verfasste Rezitativ und Chor „Und als er auf dem Wege war“.

Daniel Tepper und seine musikalischen Mitstreiter nahmen die Zuhörer in der vollbesetzten Martinskirche mit auf einen musikalischen Erlebnispfad, der eine Fülle emotionaler Momente bereithielt, so dass die Aufmerksamkeit beim Publikum, soweit zu beobachten, nie abbrach.

Bewegend waren die dramatischen Elemente ausmusiziert, sehr nachdrücklich die Wandlung des Saulus zum Paulus, als ihn „Plötzlich ein Licht umleuchtete“. Gleiches gilt für den grausamen Chor auf den Text „Steiniget ihn“, das einen irgendwie an das heutige Weltgeschehen erinnert. Gleiches gilt auch für die Passage zwischen Solisten und Chor „Ich danke dir“, in dem der Chor nahezu mit Händen greifbar gestisch artikulierte.

Souveräne Leistung

Natürlich hängt solch eine extrem anspruchsvolle Aufführung auch von der Qualität der Solisten ab. Sopran und Tenor hatten, wie bei manchen Oratorien, etwas mehr zu tun als Bass und Alt, aber sie waren alle von exzellenter Qualität. Die Sopranistin Christine Reber brillierte mit sehr klarer Stimme, leuchtenden Klangfarben und einer souveränen Leistung bei der Bewältigung der musikalischen Klippen. Der Tenor Daniel Schreiber realisierte seine relativ große Zahl an Rezitativen und Arien („Gott sei mir gnädig“) mit einer wunderbaren Kombination aus festem Klang und variabler Gestaltung.

Mit dem Bass Johannes Held agierte ein Sindelfinger Eigengewächs. Seine expressiven Passagen sang er mit beeindruckender Ausdrucksvielfalt. Mit exzellentem Stimmsitz gestaltete er die großartigen Stimmungswechsel, die die Person Saulus/Paulus erleiden muss. Etwas weniger beschäftigt war die Altistin Lieselotte Fink, sie überzeugte aber mit einem samtweichen Alt und fügte sich auf hohem Niveau in das Solisten Quartett ein. Jedes anständige Oratorium endet mit einer prachtvollen Schlussfuge, nach deren Ende wahrhaftige Begeisterung ausbrach: mit lauten Bravorufen.