Große Party, wilde Performance: Deichkind in Stuttgart. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut/Ferdinando Iannone

Irgendwas zwischen Krawall und Kunstperformance: Deichkind ist am Samstag in Stuttgart aufgetreten. Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert in der Schleyerhalle.

Das Deichkind-Konzert beginnt mit einer sehr berechtigten Frage: „Habt ihr genug Energie für eine Deichkind-Show?“, fragt Roger Reckless und bekommt vom Publikum einen derartigen Jubel als Antwort, dass kein Zweifel besteht: Energie vorhanden.

 

Das Konzert in der Schleyerhalle ist mit 8.000 Besucherinnen und Besuchern an diesem Samstagabend nicht ausverkauft, die hinteren Ränge gegenüber der Bühne sind abgehängt. Die Stimmung beeinflusst das aber nicht. Einige Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich dem Abend entsprechend gekleidet: Lichterketten und blinkende LEDs, Brillen aus bunten Knicklichtern, Müllsäcke, neongrelle Overalls.

Es sollen die letzten Shows dieser Art sein

Auf der Bühne ist es zunächst ruhig. Hinter einem weißen Vorhang bewegen sich Schatten erst langsam, schließlich stroboskopartig zu den ersten Beats. Dann geht der Vorhang auf und die drei Bandmitglieder Philipp Grütering alias Kryptic Joe, Sebastian „Porky“ Dürre und Roger Reckless performen den ersten Song: „99 Bierkanister“. Zur Deichkind-Stammbesetzung gehört noch ein weiterer: Henning Besser alias DJ Phono, der sich um die Inszenierung der Bühnenshows kümmert. Die „Kids in meinem Alter“-Tour soll die letzte dieser Art sein. Danach soll die Show eingestampft, das nächste Album aufgenommen und etwas Neues auf die Bühne gebracht werden. Der Abend ist also eine der letzten Gelegenheiten die irre Performance, für die Deichkind bekannt ist, zu sehen.

In den kommenden zwei Stunden erlebt das Publikum eine euphorische und bunte Show. Unentwegt werden die Kostüme gewechselt. Auf der Bühne stehen mal drei, mal knapp zehn Sänger und Tänzer. Zwischenzeitlich ist kaum auszumachen, wer eigentlich wer ist und wer gerade singt. Ebenso variiert das Bühnenbild, es ist mal grafisch, mal besprenkelt mit Farbspritzern, mal schwarz-weiß. Jedes Lied wird von einer perfekten Choreografie begleitet. Ein Konzert wie eine Kunstperformance. Bei „Auch im Bentley wird geweint“ wird auf einer überdimensionalen Luxushandtasche geritten, bei anderen Songs auf Trampolinen gehüpft, dazwischen wird mit Regenschirmen getanzt.

Blick in die frühen Jahre von Deichkind

Und wie immer versteht es Deichkind Partymucke mit politischem Engagement und Sozialkritik zu vermischen. Beim Titel „Bück dich hoch“ fahren die Bandmitglieder mit Bürostühlen über die Bühne. Wer genau hinschaut sieht, dass die Buchstaben auf den Rücken der Stühle nebeneinander ein recht klares politisches Statement ergeben: Fuck AFD.

Bevor zum Moshpit aufgerufen wird, mahnt Roger Reckless: „Keine sexistische Scheiße, keine Kabbeleien, hier wird aufeinander aufgepasst“. Ein „Moshpit der Liebe“ soll es sein. Dann wird „Wutboy“ performt, eine satirische Abrechnung mit dem Wutbürgertum, während Luftschlangen ins Publikum gefeuert werden.

Einen Blick in die ganz frühen Jahre von Deichkind gibt es auch. Dafür sind die drei Hauptakteure mal wieder alleine auf der Bühne und geben ein Medley mit „Komm schon“ und „Bon Voyage“ zum Besten.

Mit dem Schlauchboot übers Publikum

Am Ende rollt das Fass rein. Kenner der Shows wissen das schon. Das Fass wird mit den Rappern drauf und drin quer durch den Innenraum geschoben. Und im Anschluss bildet ein Klassiker das große Finale. Zu „Remmidemmi“ wird ein riesiges Schlauchboot über das Publikum geschickt, in dem ein Bandmitglied in Unterhose mitsurft und die jubelnde Menge mit Federn aus einem riesigen Kissen bewirft. Auf der Bühne sind jetzt knapp zwanzig Leute, die Bandmitglieder sind in Kostümen aus dem Deichkind-Universum gekleidet. Im Hintergrund steht ein riesiges Kackhaufen-Emoji, einer hüpft Fahnen schwenkend auf einem Trampolin. Die Menge rastet noch einmal aus, ein bisschen Energie ist noch übrig – der wilde Abend geht wild zu Ende.

Setlist: 99 Bierkanister / So ne Musik / Geradeaus / Auch im Bentley wird geweint / Porzellan und Elefanten / Die Welt ist fertig / In der Natur / Wer sagt denn das / Wutboy / In bin ein Geist / Kids in meinem Alter / Komm schon / Bon Voyage / Bück dich hoch / Leider geil / Richtig gutes Zeug / Arbeit nervt / Könnt ihr noch / Bude voll / Roll das Fass rein / Signale / Keine Party / Limit / Remmidemmi