Power-Pop ohne Spur von Müdigkeit: Michael Patrick Kelly begeistert seine Fans drei Stunden lang in der Schleyerhalle. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Michael Patrick Kelly, Popstar aus der Kelly Family, stellte in einer fulminanten Show sein neues Album in der Schleyerhalle vor und erinnerte in Stuttgart auch an seinen Vater.

Es gibt ihn auch, am Montagabend in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, den Moment, in dem der Star auf der Bühne in seine Kindheit, seine Jugend zurückkehrt. Irgendwo in der Halle steht eine Zuschauerin, die ein Banner mit dem Logo der Kelly Family hochhält. Und Michael Patrick Kelly, das drittjüngste Mitglied aus dem Pop-Geschlecht, das vor 30 Jahren die Hitparaden belagerte und viele Herzen höher schlagen ließ, hat es gesehen. „Was hast du da?“, sagt er – und gleich darauf: „Willst du einmal ein Lied von früher hören?“ Die Schleyerhalle jubelt und Michael Patrick Kelly singt, die akustische Gitarre in der Hand, „Fell in Love with an Alien“, den Familienhit von 1997.

 

„Guck dir diese wunderbaren Menschen an!“, ruft Kelly zuvor noch, als er auf seine Fans blickt. „Meine Herren! Ihr habt euch aber gut gehalten!“ Und es gibt den Moment auch, am Montag, in dem er alleine auf jenem Kubus sitzt, der manchmal aus der weiten Bühne auffährt, aufschaut, zur acht Meter hohen Bildwand, die in seinem Rücken aufragt, und davon spricht, wie es ist, Angesicht zu Angesicht mit einem solch gewaltigem Selbstporträt zu altern.

Er verbrachte einige Zeit im Kloster

Michael Patrick Kelly zählt seit September 48 Jahre, wirkt jugendlich und voller Energie. Er singt zwar auch einmal von seinem „Golden Age“ und ruft seinen Fans zu: „Stellt euch vor, ihr seid 20!“, aber er wirkt nicht sentimental. Er zog sich einst zurück vom Musikgeschäft, verbrachte einige Zeit im Kloster, ist seit 2015 wieder da, veröffentlichte im Oktober sein fünftes Solo-Album „Traces“ und startete seine Tour am 17. April in Dortmund.

Michael Patrick Kelly setzt auf überwältigende Inszenierungen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Show, die er nach Stuttgart bringt, ist größer noch als jene, die seine früheren Alben begleiteten, mit einer überwältigend visuellen Inszenierung, mit 32 Songs und einem Star, der sich immer wieder auch persönlich gibt, erzählt von seinem Leben, und der seinen zeitgenössischen Power-Pop ohne eine Spur von Müdigkeit drei Stunden lang feiert. Sie beginnt mit der gleißenden Scheibe einer Sonnenfinsternis, mit Michael Patrick Kellys Silhouette, die im Licht umherspringt, tanzt, sie endet mit Kelly, der sich noch einmal tiefe Fragen stellt und beantwortet, noch einmal „Holy“ singt, ein Stück von seinem Album „Ruah“, zehn Jahre alt.

Kelly spielt auf einer Bühne, die ihm viel Raum gibt. Bilder beherrschen seine Show – die beiden kahlen Bäume, deren Schatten den Sänger einrahmen, die weiten, archaischen Landschaften, durch die er sein Publikum führt. Michael Patrick Kelly und die internationalen Musiker, die ihn begleiten, wirken oft klein, vor dieser Flut, vor riesigen Farbflächen, Songzeilen – aber sie werden auch nahbar, als Kelly zuerst alleine auf einer Vorbühne inmitten des Saals erscheint, einem weiteren Würfel. Die Zuschauer drängen sich um ihn, als er seinen Song „Love found us“ vorträgt. Gleich erscheint seine Band bei ihm:

  • die Keyboarderin Theodora Byrne
  • der Gitarrist Carlos Garcia
  • der Schlagzeuger Adam Marcello
  • Stevie Solomon am Bass

Gemeinsam, eng beisammen stehend, singen sie a cappella das Stück „Hope“. „Die Welt“, das sagte Michael Patrick Kelly schon früher am Abend, „ist vielleicht kaputt, aber sie ist nicht verloren“.

Im Duett mit Tenor Jonas Kaufmann

Michael Patrick Kelly hat Gäste mit in die Schleyerhalle gebracht, die meisten von ihnen jedoch nur als Bild, auf seiner großen Wand: Mit Shaggy („Mr. Boombatic“) sang er „Rebellion“, mit Gentleman „ID“. Auf seinem aktuellen Album singt er gemeinsam mit dem Münchner Tenor Jonas Kaufmann das Stück „Symphony of Peace“ – Kaufmanns Bild leuchtet groß in die Halle hinaus, Kelly sitzt am Flügel. Er unterbricht das Stück für eine Schweigeminute, er schlägt seine „Peace Bell“, die er gießen ließ aus Granathülsen und Panzerstücken aus Kiew und Butscha. Im Titel „America“ heißt es „Wake up! Wake up!“ im Refrain. Das lässt der sonst so beredete Popstar und Friedensaktivist stehen, kommentarlos.

Überraschungsgast ist die „The Voice Kids“-Siegerin Katelyn

Überraschungsgast bei Michael Patrick Kellys Stuttgarter Konzert ist die 13-jährige Irin Katelyn, die am 3. April als Siegerin aus dem Finale der Casting-Show „The Voice Kids“ hervorging – sie singt das Lied, mit dem sie siegte, „You raise me up“, und die Schleyerhalle jubelt ihr zu. Die Halle selbst singt, als Michael Patrick Kelly der Zuschauerin Anna-Lena zum 17. Geburtstag gratuliert, und die Halle singt, lange noch, die Refrains zu Kellys Stücken „Glorious“ und „Bigger Life“. Der persönlichste Moment des Abends jedoch ist früh schon da. In ihm erzählt Michael Patrick Kelly von seinem Vater. „The Day my Daddy died“ ist ein Stück, das er gemeinsam mit seinen Geschwistern für sein neues Album aufnahm. „Traces“, sagt Kelly, habe er das Album genannt, wegen all der Spuren, die andere Menschen in seinem Leben hinterlassen hätten. Am deutlichsten sieht er die Spuren seiner Eltern. Der Sohn singt nun, und der Vater – ein Bild, in Schwarzweiß, mit nachdenklichem Blick - sieht ihm dabei zu.