Rainhard Fendrich und seine Band sind am Dienstagabend in Stuttgart aufgetreten. Kritik, Fotos und Setlist von einem hoch emotionalen Konzert in der Porsche-Arena.
Abschiede in Wien gestalten sich mitunter etwas langwierig: Bussi links, Bussi rechts, Grüße. Rainhard Fendrich gibt in Stuttgart sechs Zugaben, so wie das üblich war in den Achtzigerjahren, als er seine besten Lieder geschrieben und beachtliche Erfolge gefeiert hat. Ganz zum Schluss gestattet er sich mahnende Worte, flehentlich vorgetragen allein zur Gitarre: „Was wäre, wären wir nicht abgestumpft / im kollektiven Selbstmord der Vernunft / Es gäbe nie mehr, nie mehr, nie mehr Krieg.“ Fendrichs mutig aus der Zeit gefallenes pazifistisches Szenario „Nie mehr Krieg“ entstammt seinem erst vor drei Monaten erschienenen neuen Album „Wimpernschlag“, mit dem der Wiener 45 Jahre auf der Bühne und 70 auf dem Planeten Erde feiert.
„Das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich mir wünschen darf, ist, nach all den Jahren immer noch vor einem vollen Haus zu stehen“, sagt er am Anfang seines Konzerts in der an einem Dienstagabend mit 3000 Zuschauern gut gefüllten Porsche-Arena. Die Formulierung „immer noch“ ist jedoch ein bisschen geflunkert, denn 2008 etwa, bald nach seinem Kokain-bedingten Absturz, spielte Rainhard Fendrich in der halb leeren Liederhalle vor nur 850 Besuchern, obwohl er am Vortag im Bierzelt auf dem Frühlingsfest für sich geworben hatte. Damals stand er – vermutlich aus Kostengründen – allein mit einem Pianisten auf der Bühne.
Auf seiner aktuellen Tournee, die ihm in vielerlei Hinsicht zum Triumphzug gerät, begleitet ihn eine exquisit eingespielte Band, die Fendrichs immer noch angenehme Stimme mit distinguierter Folk-affiner Popmusik in gesitteter Lautstärke unterfüttert. Geschmeidig gleiten in „Kein schöner Land“, dem Titelsong des gleichnamigen Albums am Zenit seines Schaffens anno 1986, Gitarren- und Keyboardsoli ineinander, gleich darauf „Tränen trocknen schnell“ vom selben Album, diese zugleich brutale und tröstliche Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit, wenig später sein lakonisches (ja, auch das konnte er) Meisterwerk „Malibu“. Was hat dieser Mann an der Westerngitarre damals für unfassbar vielschichtige Lieder geschrieben, als er sich auch mal assoziativ im Meer der Worte und Klänge treiben ließ und den Zauber des Vagen zelebrierte!
Heute angelt Rainhard Fendrich Themen für seine Lieder wie ein erfahrener Fischer und filetiert sie fachgerecht. Aber live in Stuttgart klingen seine neuen Songs weitaus organischer als auf seinem Comeback-Album, sodass das Einweben des Neuen ins Alte erstaunlich stimmig gelingt: Seinem gerade erst veröffentlichten ironisch-nostalgischen „Nachtzug nach Jesolo“ stellt er seinen allerersten Austropop-Sommerhit „Strada del Sole“von 1981 voran und tut anschließend kund, dass er auf den entsprechenden italienischen Autobahnen nie im Leben gefahren sei.
Kreative Reflexion des eigenen Schaffens
Andere Perlen seines Frühwerks zelebriert Rainhard Fendrich in Stuttgart mit sanften Variationen: Dass er seine hellsichtige Szene-Beschreibung „Schickeria“ rhythmisch fesselnd mit Südamerika-Feeling ausstattet, zeugt ebenso von kreativer Reflexion seines eigenen Schaffens wie der Umstand, dass er ausgerechnet die Melodie seiner Hymne „I am from Austria“ stellenweise behutsam biegt. Dass die Jahre ein paar Schürfwunden auf seinem einst makellosen Stimmschmelz hinterlassen haben, mit dem er früher das Sehnen umstandslos als Medizin deklarierte, macht die Sache im Zweifel noch spannender: Rainhard Fendrich empfahl Heilung durch Emotion in einer Zeit, als Gefühl als cool galt. Heute blickt er oft ins Publikum wie ein um die Augen herum ungeschützter Motorradfahrer in einer mückensatten Abenddämmerung. Die Scheinwerfer werfen ihm dabei zuverlässig Sonnenuntergänge zu.
Nicht jeder von ihnen kann unvergesslich werden. Und nach gut zwei Stunden perfekt austarierter Inszenierung einer langen Karriere wirkt es erfrischend, als es einen Moment lang so klingt, als hätte sich der Wandergitarrist Fendrich in seiner letzten Zugabe einmal kurz verspielt. Da steht ein Teil seines Sitzpublikums längst dicht gedrängt an der Bühne, so wie das üblich war damals. Dafür, dass Rainhard Fendrich sich noch einmal auf den Weg gemacht hat und im allenthalben tobenden Veränderungsgewitter derart beherzt seinen erstaunlich widerstandsfähigen Regenschirm des Empfindens aufspannt, gebührt ihm großer Respekt.
Rainhard Fendrichs Setlist in Stuttgart
1. Zweierbeziehung
2. Vogelfrei
3. Es tuat so weh, wenn ma verliert
4. Vü schöner is des Gfühl
5. Auf und davon
6. Der Wind
7. Wien bei Nacht
8. Von Zeit zu Zeit
9 .Zwischen Eins und Vier
10. Die, die wandern
11. Strada del Sole
12. Nachtzug nach Jesolo
13. Manchmal denk i no an di
14. Warteschleife
15. Tango Korrupti
16. I am from Austria
17. Kein schöner Land
18. Tränen trocknen schnell
19. Schwarzoderweiß
20. Malibu
21. Frieda
22. Nie wieder jung sein
23. Midlife Crisis
24. Schickeria
25. Blond
26. Macho Macho
27. Nur ein Wimpernschlag
28. Es lebe der Sport
29. Oben Ohne
30. Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk
31. Schöne Aug’n
32. Hoit mi
33. Nie mehr Krieg