James LaBrie bei einem Auftritt am 9. November 2024 in Oslo Foto: IMAGO/Gonzales Photo/IMAGO/Gonzales Photo/Terje Dokken

Die wiedervereinigten Virtuosen der US-Band Dream Theater haben ihr Publikum drei Stunden lang gut bedient in der Liederhalle.

Eine Sternstunde gelingt dem Quintett aus New York City im Instrumentalstück: „Stream of Consciousness“ (2003) ist eine Komposition, die Metallica in jenen Bereich des Metal überführt, dem jemand das Attribut „progressive“ angehängt hat. In zig organisch miteinander verquickten Teilen ziehen Dream Theater alle Register, harmonisch, rhythmisch und dramatisch.

 

Der Gitarrist John Petrucci, der Keyboarder Jordan Rudess und der Bassist John Myung reihen vielstimmig Myriaden von Tönen einander, die sich auf wunderbare Weise zu einem großen Ganzen fügen. Durchatmen können die virtuosen Vielspieler auch, wenn sie Balladen wie „Hollow Years“ episch ausmalen oder ihr begeistertes, mehrheitlich männliches Publikum bei „The Spirit Carries on“ dazu animieren, die Arme zu schwenken.

Portnoy donnert und wirbelt

Der nach 13 Jahren zurückgekehrte Gründungs-Schlagzeuger Mike Portnoy hat dafür gesorgt, dass der unbestuhlte Beethovensaal ausverkauft ist. Dream Theater machen daraus keine große Sache, sie spielen wie selbstverständlich ihre musikalische Grandezza aus, als wäre Portnoy nie weg gewesen, den der eingewechselte Mike Mangini nie ganz ersetzen konnte. Portnoy ist ein wilder Erbe von Legenden wie Neil Peart (Rush) oder John Bonham (Led Zeppelin). Er donnert und wirbelt auch in ungeradesten Zählzeiten – und leidet besonders unter einem breiigen Sound, der die erste Hälfte des gut dreistündigen Konzerts zu 40 Jahren Bandgründung bestimmt.

Der eine Mann hinter dem Mischpult ist ins Mobiltelefon vertieft, die Hände des anderen stecken in seinen Hosentaschen. Der Beethovensaal hat allerdings Tücken, wenn dort andere Musik als Klassik gespielt wird: Wie eine Strafe Gottes fängt sich unter und über der Empore umso mehr wüstes Wummern, je lauter eine Rockband tönt.

Dream Theater kümmert das wenig. Brilliert haben sie schon zu Beginn mit „Metropolis Pt. 1“ (1992), das voller großer Melodien steckt und im Mittelteil Fusion-Jazz in Reinkultur bietet. Stücke aus „Awake“ (1994) und „Scenes From A Memory“ (1999) funkeln, das rund 24-minütige Opus magnum „Octavarium“ (2005) schillert in besonders vielen Facetten. Es offenbart besonders deutlich die Sehnsucht, den Vorbildern Pink Floyd nahe zu sein: Das Keyboard-Intro schreit geradezu danach, dass jemand singt: „Remember when you were young / you shone like the sun“.

LaBrie röhrt in Originaltonhöhe

Der Sänger James LaBrie aber intoniert eigene Verse und Melodien, die er kunstvoll in die verschlungenen Musikkomplexe windet. An ihm schieden sich die Geister schon vor über 30 Jahren, als er in die Band als strahlender, schneidender Musical-Tenor kam; heute geht er nur noch in entscheidenden Passagen in den Schmerz und weicht ansonsten in tiefere Zweitstimmen aus, wie es etwa Bruce Dickinson von Iron Maiden jahrzehntelang praktiziert hat.

Zu sehen gibt es bekannte Rituale. Portnoy klopft sich zwischendurch an den Schädel, Jordan Rudess schwenkt sein Keyboard in alle Richtungen. Über der Bühne sind mal Steampunk-Kulissen zu sehen, mal rasant laufende Uhren, mal Papierflieger-Kitsch und mal Wale im Weltall – ein entfernter Nachhall Pink Floydscher Bühnenfantastik. Bei der letzten Zugabe, dem ersten Dream-Theater-Hit „Pull Me Under“, röhrt LaBrie durchgehend in Originaltonhöhe – weil danach nichts mehr kommt, kann er sich vollends verausgaben. Das hat auch das Publikum getan. Es bedankt sich erschöpft mit frenetischem Applaus.