Der Akkordeonist Martynas Levickis und das Kammerorchester The Knights sind in Stuttgart aufgetreten. Und wie war’s?
Jubel im Musiklabor! Wäre es nach George Gershwin gegangen, dann stünde am Anfang seiner „Rhapsody in Blue“ ein langer Triller. Der Klarinettist jenes Jazzorchesters, das 1924 das Stück zur Uraufführung brachte, versuchte es aber mit einem langen Glissando, einem Gleitton in die Höhe. Der Komponist war begeistert, Publikum und Kritiker ebenfalls, und so rechtfertigte die „Rhapsody in Blue“ schon in den ersten Takten, was zuvor Plakate und Handzettel versprochen hatten: dass nämlich in der New Yorker Aeolian Hall „an experiment in modern music“, also ein Experiment der modernen Musik stattfinden werde.
Am Freitagabend hat sich Gershwins Experiment im Stuttgarter Beethovensaal fortgesetzt, denn hier ging es nicht mehr nur um ungewohnte Mixturen von Formen, Genres und Harmonien, sondern auch um aufregend neue Klangfarben.
Der Konzertsaal wird zum Musiklabor
Zu Gast in der Reihe „Faszination Klassik“ sind das New Yorker Kammerorchester The Knights und der litauische Akkordeon-Virtuose Martynas Levickis, der den Klavierpart des Stücks für sein Instrument arrangiert hat. Dass ihn dabei der Laborgedanke befeuerte, hört man sofort, denn seine Bearbeitung bedient sich offensiv der klanglichen Möglichkeiten, die das Klavier gerade nicht hat. Da werden Töne und Klänge lebendig, vibrieren, gleiten auf- und abwärts, da tönen Flöte und Orgel aus dem bewegten Balg, da ballen sich Töne mal zu lauten Clustern, mal verkriechen sie sich seufzend und voller Sehnsucht zwischen die Tasten und Knöpfe.
Außerdem bewegt sich Levicki dynamisch auf Augenhöhe mit den Musikerinnen und Musikern des Orchesters, und da The Knights ebenfalls auf eine Bearbeitung der „Rhapsody“ zurückgreifen, wird aus dem sonst jazzig auftrumpfenden Werk ein intimer, oft nahezu kammermusikalischer Dialog und aus Gershwins wirkungsvollem Gegen- ein gut verschmelzendes Miteinander, dem der Schlagzeuger mit Glockenspiel und Triangel ein silbriges Glitzern verleiht.
Dem experimentellen Charakter des Konzertes hat zuvor schon ein zurzeit sehr populäres Stück der US-Amerikanerin Caroline Shaw bewiesen, denn „Entr’acte“, ursprünglich für Streichquartett komponiert, ist eine Reverenz an Haydns Dramaturgie der Überraschungen.
Die Volkslieder kommen zum Schluss
Vorhandenes Material wird auseinandergenommen und neu wieder zusammengesetzt oder variiert, musikalische Gestalten hüpfen in neuen Gewandungen über die Klangbühne, und am Ende bleibt als letzte Diva das Cello zurück. Hier wie bei der mit großer Innigkeit und Vertiefung präsentierten Suiten-Fassung von Aaron Coplands „Appalachian Springs“ beweisen The Knights, wie sehr sie auch ohne Akkordeon-Prominenz das Zuhören lohnen. Dass der Dirigent Eric Jacobson in einer kurzen Ansprache an das Publikum (auf Deutsch!) betont, wie wichtig es für sein US-amerikanisches Ensemble gerade in unseren Zeiten sei, seine Kunst mit einem europäischen Publikum zu teilen, bringt zusätzliche Sympathiepunkte.
Und am Ende? Wird alles eins. Martynas Levickis hat Volkslieder seiner Heimat zu einer Suite für Akkordeon und Orchester verarbeitet, in der er sich selbst Hochvirtuoses abverlangt, und was danach als Zugabe für Solo-Akkordeon beginnt, weitet sich zu einer musikalischen Folk-Fantasie, in der zwei Instrumentalistinnen singen und das Orchester groovt, als wollte es die Parole „Wir sind das Volk!“ zu Musik machen. Welch wunderschöne Utopie!