Thomas Zehetmair Foto: Wolfgang Schmidt

Das Stuttgarter Kammerorchester beginnt unter Thomas Zehetmair seinen Zyklus der Beethoven-Sinfonien im Turbo-Modus.

Ward’s Genuss schon? Ist’s noch Qual? Diese Fragen hat, verwirrt ob der seinerzeit chaotisch wirkenden Musik Ludwig van Beethovens, dessen Freund Franz Grillparzer formuliert. Heute kann man die Konfusion des Dichters kaum mehr nachvollziehen: Beethovens Kompositionen sind mittlerweile derart im Klassik-Mainstream verankert, dass kaum einer ihre Komplexität und vor allem ihr revolutionäres Potenzial noch spürt. Das Ungebärdige, Plötzliche, gegen den Strich Gebürstete, die hoch verdichtete Materialbehandlung: So klingt er halt, der Beethoven.

 

Flinke Finger und schnelle Reaktionen

Es sei denn, man erhöht die Reizschwelle, verschärft die Extreme und quält das Orchester ein wenig. Mit dem Boom der historisch informierten Ensembles ist Beethoven-Rasanz in Mode gekommen, und so dirigiert jetzt auch der Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchesters, Thomas Zehetmair, als er im Mozartsaal das Großprojekt der Aufführung sämtlicher Sinfonien des Titanen beginnt. Die erste und die zweite Sinfonie erklingen im Hochdruck-Modus; Zehetmair legt den Turbo ein. Zum Glück kann er sich auf seine Musikerinnen und Musiker verlassen, und das muss er auch, schließlich braucht es flinke Finger und schnelle Reaktionen, wenn man die gewählten Tempi fehlerfrei durchziehen will. Der 17-köpfige Kern des Kammerorchesters macht jetzt zwar nur die Hälfte des Ensembles aus, aber auf die Stuttgarter Streicher ist Verlass. Ihr seidiger Klang bestimmt die Corporate Identity auch dieses Beethoven-Unternehmens, in der ersten Sinfonie etwa zu Beginn des zweiten Satzes, bei den feinen Abwärtsläufen im Trio und im tastenden Beginn des Finales. Wenn irgendwo mal etwas wackelt, weil Zehetmairs Zeichengebung manchmal mehr auf musikalische Ereignisse fokussiert ist als auf präzise Einsätze, dann liegt es nicht an ihnen, sondern an der Koordination mit den Bläsern.

Das Publikum feiert den Abend

Hier ergänzt man das moderne Instrumentarium durch alte Hörner und Trompeten, weil deren weichere Klang mehr Verschmelzung möglich macht. Optimal ist die Klangbalance dennoch nicht – vor allem die Oboe tritt oft allzu prominent in den Vordergrund, und trotz dreier Kontrabässe wirkt das Bass-Fundament oft etwas schütter. Dass die Naturhörner intonatorisch nicht immer ins Schwarze treffen, gehört hingegen inzwischen ja fast zum guten Ton. Man hört es sich schön.

An diesem vom Publikum gefeierten Abend gibt es Vieles, das in sich sehr stimmig ist. Klar arbeitet Zehetmair Kontraste heraus, in der Dynamik ebenso wie in den Tempi. Das Eingangs-Allegro der ersten Sinfonie zündet nach der langsamen Einleitung wie eine Rakete – exzellent vorbereitet, virtuos ausgeführt. Rhythmische Figuren haben präzise Konturen. Und das Konzert endet mit einem hochdramatischen, motorisch wie emotional durchgeschüttelten Schluss-Allegro der zweiten Sinfonie, bei dem es alle, Bläser, Streicher und Publikum, mächtig durcheinanderwirbelt. Am 6. Januar folgt die „Eroica“. Sie hat noch mehr Kanten, Schrunden und Abgründe. Man darf gespannt sein.