Die britische Indierockband The Wedding Present ist am Dienstag in Stuttgart aufgetreten. Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert im Merlin.
Als sich diese Band das letzte Mal nach Stuttgart verirrte, gab es noch die DDR, ein Mann namens Tim Berners-Lee erfand eine verrückte Sache, die er World Wide Web nannte, und David Hasselhoffs „Looking For Freedom“ verstopfte die deutschen Charts. Am 14. Mai 1989 traten The Wedding Present in der Röhre auf. Den Club gibt es nicht mehr, die Band schon – und beim Auftritt am Dienstagabend im Merlin entschuldigt sich David Gedge, dass es 36 Jahre gedauert hat, bis er mit seiner Band nach Stuttgart zurückgekehrt ist – und verspricht, in 36 Jahren wiederzukommen.
Trotzig-unkaputtbare Lovesongs
Zuzutrauen wäre es Gedge, der mit wechselnder musikalischer Begleitung als The Wedding Present trotzig-unkaputtbar Indierock und Powerpop aufeinandertreffen lässt – und das schon seit 40 Jahren. Bei der Show spielt er Songs aus den vier Jahrzehnten streng chronologisch rückwärts. Das erste Lied des Abends ist „Two For The Road“, ein charmanter Lovesong mit toller Gitarrenhookline, der noch gar nicht veröffentlicht und ein Vorgeschmack auf das nächste Album ist. Das letzte Stück des Abends heißt „Go Out And Get ’Em Boy“ und war im Jahr 1985 die Debütsingle von The Wedding Present – eine krachig-nervöse Auseinandersetzung mit dem Falklandkrieg.
The Wedding Present spielen zwar sowieso grundsätzlich keine Zugaben. Bei dieser Rückwärtsshow durch das Repertoire ist das aber besonders konsequent: „Was sollten wir danach noch spielen?“, fragt Gedge ins Publikum: „Davor gab es ja nichts – nur noch den Big Bang.“
Die besten Liebeslieder des Rock’n’Roll-Zeitalters
Die meisten Songs, die die Band an diesem Abend spielt, sind wie die Eröffnungsnummer Lovesongs, denen man nicht unbedingt anhört, dass sie Lovesongs sind. Zum Beispiel „Brassneck“, ein verbittert herumtobender Breakup-Song („I just decided I don’t trust you anymore“). Wie schon vor gut einem Jahr beim Konzert in Schorndorf (ja, in die Nähe von Stuttgart sind The Wedding Present in den vergangenen 36 Jahren doch immer wieder mal aufgetreten) muss man sich bei dem Song durch ein wunderbares Gestrüpp aus Gitarren wühlen, das Gedge zusammen mit Rachael Wood entstehen lässt, um die Romantik zu entdecken, die hinter Frust und Wut lauert.
Der Indiepapst John Peel hat mal über The Wedding Present gesagt: „Dieser Junge namens Gedge hat einige der besten Liebeslieder des Rock’n’Roll-Zeitalters geschrieben: Sie mögen anderer Meinung sein, aber ich habe recht, und Sie haben unrecht.“ Und dieser Abend im Merlin beweist das wieder einmal. Schon die zweite Nummer des Abends, „I Am Not Going To Fall In Love With You“, gerät zu einem epischen, psychedelisch eingefärbtem Ungetüm. „Dalliance“ klingt immer noch so catchy wie im Jahr 1991. Und das Finale von „Kennedy“, dem größten Hit und seltsamsten Liebeslied von The Wedding Present, bleibt einer der größten Rock’n’Roll-Momente in der Geschichte des Rock’n’Roll.
The Wedding Present: Setlist in Stuttgart
- Two For The Road
- I Am Not Going to Fall in Love With You
- Rachel
- Deer Caught in the Headlights
- Don’t Take Me Home Until I’m Drunk
- Interstate 5
- Kansas
- Click Click
- Blue Eyes
- Flying Saucer
- Corduroy
- Dalliance
- Dare
- Brassneck
- Kennedy
- Bewitched
- Everyone Thinks He Looks Daft
- A Million Miles
- My Favourite Dress
- Go Out and Get ’Em Boy