Fontaines-D.C.-Sänger Grian Chatten bei einem Auftritt in Norwegen. Weil das Band-Management in Stuttgart nur Fotografen zuließ, die einen Vertrag voller inakzeptabler Klauseln unterschreiben, haben wir auf Bilder vom Konzert auf der Freilichtbühne verzichtet. Foto: IMAGO/Gonzales Photo

Die sensationelle irische Postpunkband Fontaines D.C. ist am Mittwoch in Stuttgart aufgetreten: Setlist und Kritik vom Konzert auf der Freilichtbühne Killesberg.

Grian Chatten ist ein rastloser Typ. Nur als sie dem Sänger der Band Fontaines D.C. am Mittwoch in Stuttgart mal für ein Lied eine Gitarre umhängen, können sie in kurzfristig bändigen. Die restliche Zeit ist er ständig in Bewegung, fordert das Publikum heraus, läuft nervös hin und her, erinnert an ein eingesperrtes Tier.

 

Und diese Rastlosigkeit, diese Aufregung am Rande des Nervenzusammenbruchs spiegelt sich auch grandios in den Songs der irischen Postpunk-Band wider, die es schon auf drei Grammy-Nominierungen bringt. Zum Beispiel in dem Lied „Favourite“, das vom aktuellen Album „Romance“ stammt, und das Fontaines D.C. als letzte Nummer vor den Zugaben spielen. Mehr Euphorie und Traurigkeit kann man unmöglich in ein Stück Musik packen. Chatten singt in „Favourite“, das sich wunderbar The-Smiths-Harmonien borgt, von Nostalgie und Gentrifizierung, von den schlimmen Folgen von Margaret Thatches Wirtschaftpolitik, aber auch vom Erwachsenwerden und davon, dass die Schönheit manchmal auch etwas sehr Seltsames sein kann.

Solidarität mit Kneecap

Und als ob dieses Pop-Meisterwerk nicht sowieso schon mit viel Bedeutung aufgeladen wäre, widmet Chatten „Favourite“ am Mittwoch auch noch dem Rapper Mo Chara vom nordirischen Hip-Hop-Trio Kneecap. „Heute steht er vor Gericht und der Karneval geht weiter“, sagt er. Mo Chara ist angeklagt, weil er bei einem Konzert eine Hisbollah-Flagge gezeigt haben soll. Kneecap wehren sich gegen die Vorwürfe, sagen, die Flagge sei lediglich auf die Bühne geworfen worden – und der Prozess gegen sie diene nur als „Karneval der Ablenkung“, um sich nicht mit dem Leid in Gaza beschäftigen zu müssen.

Fontaines D.C. zählen zwar wie Brian Eno, Massive Attack oder eben Kneecap zu den Acts, die gemeinsam ein Netzwerk zum Protest gegen Israels Vorgehen in Gaza gründen wollen. Explizite politische Statements gibt es aber beim Auftritt am Mittwoch vor rund 4000 Besucherinnen und Besuchern in Stuttgart nicht. Es sei denn, man versteht als solches, dass Chatten ganz am Ende der Show eine auf dem Boden liegende Kufiya aufhebt und mit ihr in der Hand die Bühne verlässt.

Literarisch aufgeladener Postpunk

Davor haben Fontaines D.C. anderthalb Stunden lang ein großartiges Konzert gegeben, mit zorniger Zärtlichkeit vom Postpunk beseelte Songs wie „Boys in the Beter Land“, „Roman Holiday“ oder „Bug“ und wunderbar sperrige Liebeslieder wie „I Love You“ gespielt. Nebenher ist Chatten noch aufmerksam genug, um zu merken, wenn im Gedränge vor der Bühne jemand Hilfe benötigt, unterbricht den Song „Nabokov“ und fordert die Band erst dann wieder auf, neu zu beginnen, als das Problem gelöst ist.

Wie kaum eine andere Band gelingt es Fontaines D.C. gleichzeitig wütend und sanft, wehmütig und verbittert, frustriert und überschwänglich zu klingen und ihre Songs auch noch literarisch aufzuladen. An diesem Abend reicht die Konzertbibliothek von James Joyce‘ „Ulysses“ („Horseness Is The Whatness“) über Katsuhiro Otomos „Akira“ („In The Modern World“) bis Dylan Thomas’ „Under Milk Wood“ („Desire“).

Und dann ist da natürlich noch dieser Song namens „Starburster“, den Fontaines D.C. als letzte Zugabe spielen, bei dem wunderbar atemlos Rap auf Postpunk trifft: Besser wurde noch nie eine Panikattacke in Musik übersetzt. 

Fontaines D.C.: Setlist vom Konzert in Stuttgart

  • Here’s the Thing
  • Jackie Down the Line
  • Boys in the Better Land
  • Televised Mind
  • Roman Holiday
  • It’s Amazing to Be Young
  • Big Shot
  • Death Kink
  • A Hero’s Death
  • Before You I Just Forget
  • Horseness Is the Whatness
  • Big
  • Nabokov
  • Desire
  • Bug
  • Favourite
  • Zugaben:
  • Romance
  • In the Modern World
  • I Love You
  • Starburster

Der Auftritt in Stuttgart war das letzte Konzert von Fontaines D.C. im Rahmen ihrer aktuellen Tour in Deutschland.