Ein Paar lauscht dem Radio – womöglich einer der Radiomusiken, die das SWR-Symphonieorchester aus den 1920 Jahren im Stuttgarter Wizemann gespielt hat. Aufnahme von 1928. Foto:Picture alliance/akg-images

Das SWR-Symphonieorchester hat im Stuttgarter Wizemann „Radiomusiken“ der 1920er Jahre gespielt. Das damals neue Genre kennzeichnet eine kunstvolle Gratwanderung zwischen „ernster Musik“ und dem, was der Dirigent Hermann Scherchen einmal „Kaffeehaus-Dideldum“ nannte.

Ein alter Radioapparat, links und rechts zwei Drehknöpfe, dazwischen fünf Tasten: An/Aus, Langwelle, Mittelwelle, Kurzwelle, Ultrakurzwelle. Taste an, drehen, schon kommt Musik. Taste aus, man verlässt die Wohnung, und während man durch die Straße läuft, setzen sich die eben gehörten Klänge fort, tönen aus den Fenstern und Wohnungen.

 

Ein solches Szenario des kollektiven linearen Medienkonsums kennt man heute nur noch von Fußball-Weltmeisterschaften. Ansonsten aber ist die Zeit der Massenmedien vorbei, und wer am Freitagabend das „Linie 2“-Konzert des SWR-Symphonieorchesters besuchte, kam aus dem Staunen über die musikalische Selbstfindung des Radios in den 1920er Jahren nicht heraus.

Mehr als nur die bloße Übertragung eines Konzerts

„Radiomusiken“ standen im Stuttgarter Wizemann auf dem Programm: Auftragskompositionen, die von den gerade gegründeten Sendern erteilt wurden, um Hörer an sich zu binden. Gerade erst hatte man dort die Fragen zu stellen begonnen, die – auch darüber kann man staunen! – bis heute im Raum stehen: wie Anspruch und Unterhaltung, Kulturauftrag und Wirtschaftlichkeit auszubalancieren seien und ob Musik im Radio nicht mehr sein müsse als die bloße Übertragung von Opern und Konzerten.

Frucht dieser Überlegungen war damals ein neues Genre, das ausschließlich für die Rundfunkübertragung geschaffen wurde. Seine Werke haben einen deutlichen Zug nach vorn, sind transparent, lebendig, verständlich, effektbewusst, oft tänzerisch – eine kunstvolle Gratwanderung zwischen „ernster Musik“ und dem, was der Dirigent Hermann Scherchen einmal mit launiger Abfälligkeit als „Kaffeehaus-Dideldum“ bezeichnete.

Eintauchen in die Aufbruchstimmung früherer Radio-Zeiten

Als Moderatorin ließ die SWR-Redakteurin Lydia Jeschke das Publikum tief eintauchen in die Aufbruchsstimmung der frühen Radio-Zeiten. Das SWR-Symphonieorchester spielte unter Christian Reifs Leitung exzellent gearbeitete Musik mit Gute-Laune-Effekt. Pavel Haas macht in seiner „Radio-Ouvertüre“ das neue Medium noch zum Thema: „Ich bin der Klang“, „Ich bin die Welle“, „Ich bin das Mikrofon“, „Ich bin der Lautsprecher“, sprechen vier Männer des SWR-Vokalensembles über orchestralen Klangwogen – und feiern dann singend („Im weiten Weltall dröhnen die Töne“) das neue Medium. Walter Braunfels spielt in seinem Divertimento op. 42 virtuos mit unterschiedlichen Klang-Registern; in der weit geschwungenen, nur von zarten Streichertupfern begleiteten Flötenmelodie des Mittelsatzes kann man sich träumend verlieren, das Finale ist ein virtuoser Kehraus.

Meisterwerk der Instrumentation

Ernst Tochs „Bunte Suite“ trägt nicht nur ihren Anspruch im Titel (damals hat man tatsächlich auch schon über schrumpfende Aufmerksamkeitsspannen nachgedacht!), sondern gibt sich außerdem als Meisterwerk der Satzkunst und der (im Wortsinne!) pfiffigen Instrumentation. Das Adagio hätte dem Stück einen Trauerrand eingezogen, doch ausgerechnet diesen Satz lässt das Orchester aus, und so beantwortet der Abend die Frage nach Anspruch und Unterhaltung zumindest am Ende mit einer leichten Disbalance.