Das SWR-Symphonieorchester Foto: SWR/Wolfram Lampart/r

Das SWR-Symphonieorchester hat im Stuttgarter Beethovensaal unter Marc Minkowski Mahler und Bruckner gespielt.

Erst eine Schweigeminute für die Kriegsopfer in der Ukraine. Dann die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler. Lange vorausgeplant, jetzt von erschütternder Aktualität. In diesen Orchesterliedern, mit denen das SWR-Symphonieorchester sein Abo-Konzert im Beethovensaal begann, geht es weniger um das Sterben der Kinder als vielmehr um den Gram und die Schuldgefühle der Hinterbliebenen. Der Seelenschmerz sehnt sich nach Trost, doch jeder versöhnliche Ton trägt Trauerflor. Die Altistin Wiebke Lehmkuhl sang das gut: mit rabenschwarzer Tiefe, und jeder Ton sprach von quälender Trauer. In den dramatischen Gefühlsentladungen berührte sie, im Piano aber schrumpfte ihr Ton ins Fahle, und sie wirkte nicht immer intonationssicher. Von der Lyrik verstand man nur Bruchstücke. Dem von Mahler sparsam instrumentierten Orchesterpart fehlte zu Beginn noch etwas Spannkraft, aber das gab sich im Verlauf der fünf Sätze. In Marc Minkowski hatte man schließlich einen Dirigenten eingeladen, der ein Garant für klangliche Energie ist. Eine Qualität, die aus der folgenden vierten Sinfonie von Bruckner, der „Romantischen“, ein Konzertereignis ersten Ranges machte.

 

Der französische Dirigent – äußerlich aufgewühlt, mit kreisenden Bewegungen und hin und her wiegendem Körper agierend – besitzt ein sehr feines Gespür für Farben, Dynamik, rhythmische Intensität und Agogik sowie die innere Ruhe, riesige Spannungsbögen vorausschauend aufzubauen. Alles erscheint auf den Punkt genau austariert: auch die oft aus lyrischem Pianissimo aufschäumende Fortissimo-Gewalt. Es stellt sich erst gar nicht die Frage, ob hier etwas zu bombastisch ist. Es muss so sein: Man wird unmittelbar hineingezogen in die Bruckner-Logik und ihren Bilderreichtum – wie im Scherzo. Als kreuzten sich hier die Wege einer Hundertschaft von Horn blasenden Postkutschern mitten im dunkel-romantischen Wald. Vorbildlich der Orchesterklang in allen Lautstärken: beweglich, schlank, farbig, glasklar. Bruckner vom Feinsten.