Dave Penn am Mikro auf der Wizemann-Bühne in Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Seit 25 Jahren gibt es das britische Musikerkollektiv Archive schon. Im Wizemann hat die Gruppe ihr Jubiläum mit begeisterten Fans gefeiert. Grandios, wie die Musiker Melancholie, Angst und Breakbeats miteinander in Einklang bringen.

Stuttgart - Aus London kommen derzeit keine guten Nachrichten. Doch abseits des Brexit-Chaos beweisen die Briten mit musikalischen Exporten Sinn für Stil, Tiefgang und Raffinesse. Ohne die British Invasion der 60er oder den Britpop der 90er wären Europa und der Rest der Welt jedenfalls um so manche pophistorische Kronjuwelen ärmer. Einige davon hat das Londoner Band-Kollektiv Archive in seiner bisherigen 25-jährigen Geschichte hervorgebracht. Obwohl die Gruppe um die Gründer Danny Griffiths und Darius Keeler nie massenbewegenden Hitparaden-Stoff produzierte, begeistert sie seit 1994 Kritiker und Fans.

Als am Mittwochabend in der Halle im Wizemann die Lichter ausgehen und ein mehrminütiges, weißes Rauschen die Musiker ankündigt, ist der Raum zwar nicht bis auf den allerletzten Millimeter ausgebucht, aber doch dicht besetzt. Aus der über dem Publikum wabernden Geräuschwolke lösen sich ab und zu ein paar Takte mit Beats und wenigen Gesangsfetzen, ein rotes Licht flackert über auf der Bühne verteilten Leuchtstäben, bis endlich ein blaues Glühen die Szene erhellt. Der klug inszenierte Spannungsbogen zeigt Wirkung: Mit dem Auftritt von Keeler und Griffiths (beide Keyboard), Dave Penn, Pollard Berrier (jeweils Gesang, Gitarre), Maria Q (Gesang) und den Kollegen Steve Harris, Steve Davis und Steve „Smiley“ Barnard an Gitarre, Bass und Schlagzeug entlädt sich die Anspannung der Fans in begeistertem Jubel.

Stimmungen im Wettstreit

Die ersten Akkorde von „You make me feel“ prallen hart gegen das Zwerchfell; dass eine Kosmetikfirma den Song für einen Werbespot verwurstet hat, tut der Wirkung keinen Abbruch. Auf den wohligen Schock des Openers lassen Archive in dichter Folge einige ihrer – wenn man so will – größten Hits folgen. Das böse Stück „Fuck U“ vom vielleicht schönsten Album „Noise“ fasziniert mit Dave Penns fließendem Sprechgesang; eine Rache-Hymne mit kontinuierlich ansteigendem Aggressions-Level. Zu einzelnen Keyboardakkorden kommt erst ein nass klatschender Beat, später unterschwellig nölender Gitarrensound hinzu. Die fiesen Verwünschungen serviert Penn mit kalter Gelassenheit, presst schließlich die härtesten Zeilen hervor: „Bet you sleep like a child with your thumb in your mouth / I could creep up beside, put a gun in your mouth“. Man könnte Angst bekommen, wäre der Song nicht so perfekt austariert in seinen Harmonien.

Diese Gleichzeitigkeit widerstreitender Stimmungen ist ein Hauptmerkmal der Musik von Archive, wie das Stück „Bullets“ eindrucksvoll zeigt. Synthetisch-weiche Streicherflächen erzeugen Melancholie, darüber treiben die repetitive Melodie-Linie, der dringliche Sprechgesang und hyperaktive Break-Beats vorwärts. Archive sind Meister darin, komplexe Soundteppiche aus elektronischen und organischen Versatzstücken zu weben. Nach fast zweieinhalb Stunden fällt es den hypnotisierten Zuhörern sichtlich schwer, aus der üppigen Tiefe dieser Musik wieder aufzutauchen. Ein grandioses Konzert. Die Briten will man einfach nicht missen.

  
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