Grimassen schneiden, Quatsch machen, andere ärgern: Kinder lassen sich leicht ablenken. Foto: Adobe Stock/blende11.photo

Lehrer und Eltern beobachten, dass viele Kinder heute nicht mehr lange an einer Sache bleiben können. Die Ursachen sind vielfältig.

Montags, nach einem verregneten Wochenende, ist es am schlimmsten. Bevor die Klassenlehrerin ihre zweite Klasse betritt, weiß sie, was sie erwartet. „Die meisten Kinder waren nicht draußen, haben sich nicht bewegt, stattdessen viel Zeit am Bildschirm verbracht, zu viele Süßigkeiten und Chips gegessen.“ An Unterricht sei mit den unruhigen Kindern nicht zu denken, also gibt es erst eine Runde Sport im Klassenzimmer.

 

Ihre Kollegin erzählt, dass es kaum mehr möglich sei, mit Grundschülern zu basteln. „Das muss immer alles schnell, schnell gehen. Und wenn mal etwas nicht gleich klappt, wird sofort hingeschmissen.“ Länger konzentriert an einer Sache arbeiten – das sei sehr schwierig. Nicht nur am Montag.

Im Schulalltag müssen sich Anspannung und Entspannung abwechseln

Es gibt keine Studien, die belegen, dass die Konzentrationsfähigkeit von Kindern tatsächlich nachgelassen hat. „Dazu sind die Ursachen auch einfach zu vielfältig und zu komplex“, sagt Taha Kuzu von der Abteilung für Grundschulpädagogik der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Wie viele andere Experten beobachtet aber auch er Veränderungen – bei Kindern, Eltern, in der Schule und in der Gesellschaft insgesamt.

„Kinder müssen heute in kürzerer Zeit mehr lernen als früher, es gibt auch mehr und größere Prüfungen“, sagt Taha Kuzu. Für die Lehrkräfte bedeute dies: Nur ein sehr gut rhythmisierter Unterricht und Schulalltag mit Phasen von Anspannung und Entspannung, von Stillsitzen und Bewegen, von Einzel- wie Gruppenarbeit ermögliche es, den Stoff ohne Konzentrationsabfall zu vermitteln.

Vorausgesetzt, die Kinder sind in der Lage, sich zu konzentrieren. „Viele kommen heute ohne Frühstück in die Schule“, sagt Heike Witzemann, Schulsozialarbeiterin und Vorsitzende des Netzwerks Schulsozialarbeit Baden-Württemberg. Um vernünftig arbeiten zu können, braucht das Gehirn stetig Energie und einen konstanten Blutzuckerspiegel. Das funktioniert gut mit Obst, Gemüse, Nüssen, Vollkornbrot, kurz: einem gesunden Frühstück. Wer das nicht hat, wird schlapp und unkonzentriert. „Viele Schüler sehe ich in der ersten Pause dann beim Bäckerwagen. Da kaufen sie sich dann Schokocroissants oder Pizzaschnitten“, erzählt Heike Witzemann.

Es gibt zahlreiche Studien, die belegen: Kinder sind besser in der Schule, wenn sie regelmäßig Sport treiben. Denn dadurch wird das Gehirn gut mit Sauerstoff versorgt, zudem regt die Bewegung die Bildung neuer Nervenzellen an. All das fördert die Konzentration. Viele Kinder bewegen sich aber immer weniger. Auch, weil sie immer längere Schultage haben. „Und Bewegung in der Schule ist einfach eine ganz andere als in den Vereinen“, sagt Heike Witzemann.

Mehr Mut zur Langeweile

Dann gibt es aber auch Kinder, deren Nachmittage durchgetaktet sind mit Freizeitaktivitäten. „Kinder brauchen aber auch Entspannungszeit“, sagt Taha Kuzu. Weshalb er Eltern zu „Mut zur Langeweile“ ermuntert. Und zu Hobbys, bei denen es nicht wieder nur darum geht, Leistung zu erbringen wie schon in der Schule. „Selbst Spiele auf Handys, Tablets, Konsolen und Computern funktionieren inzwischen ja fast nur noch über das Wettkampfprinzip. Man misst sich mit anderen“, so Taha Kuzu. Entspannen, wie das früher bei Spielen wie Tetris möglich gewesen sei, ginge dabei kaum.

Überhaupt die Mediennutzung. Auch sie trägt zur nachlassenden Konzentration bei – weil keine Bewegung stattfindet und weil der Schlaf zu kurz kommt, der ebenfalls wichtig ist, damit konzentriert gearbeitet werden kann. „In dieser ständigen Reizüberflutung leben aber nicht nur die Kinder, das ist die ganze Gesellschaft“, sagt Heike Witzemann. Kinder passen sich ihrer Meinung nach durch ihr oft als sprunghaft empfundenes Verhalten eben auch an diesen Alltag an. „Das sind ihre Strategien, um damit zurechtzukommen.“

Witzemann beobachtet oft Eltern, die ihre Kinderwagen schieben und dabei mit ihrem Handy beschäftigt sind. „Schon von klein auf erfahren Kinder heute, dass eine soziale Interaktion mit ihren Eltern nicht möglich ist, weil deren Aufmerksamkeit auf das Handy gelenkt ist“, sagt Heike Witzemann. Je länger Kinder heute aber in Betreuungseinrichtungen seien, umso wichtiger sei es, dass die Eltern die wenige gemeinsame Zeit dann auch wirklich bewusst mit den Kindern verbringen.

Denn keine Erzieherin, kein Lehrer, keine Hortbetreuung kann dem Kind ausreichend individuelles Interesse schenken – dafür sind es zu viele Kinder. Kinder möchten aber gesehen werden. Und wenn das auch zu Hause nicht klappt, versuchen sie die Aufmerksamkeit am nächsten Tag eben in der Schule auf sich zu ziehen – womöglich, indem sie laut werden, stören, andere ärgern.

Wichtige Eigenschaften wie Frustrationstoleranz und Resilienz

An vielen Eltern wiederum nagt das schlechte Gewissen, dass sie zu wenig Zeit für den Nachwuchs haben. Wenn sie die Kinder abholen, versuchen sie dies zu kompensieren, indem sie ihnen jeden Wunsch erfüllen, alles Schwere und Lästige abnehmen. Auch davon rät die Forschung ab. Denn ein solches Verhalten, welches den sogenannten Helikoptereltern zugeschrieben wird, führt dazu, dass sich wichtige Eigenschaften wie Frustrationstoleranz und Resilienz bei Kindern nicht entwickeln können. Das aber braucht man, um Luftmaschen zu häkeln, Schreibschrift zu lernen, den Radschlag oder die Einmaleins-Reihen. Wer dabei nur Frust schiebt, bleibt auch hier nicht bei der Sache.

Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg bietet das Programm „Fit fürs Lernen und Leben“ als Fortbildungen für Lehrer, aber auch als Online-Angebot an (https://fit-lernen-leben.ssids.de). Dabei geht es auch darum, Kindern dabei zu helfen, sich besser konzentrieren zu können, etwa durch kleine Übungen und Spiele.

Auch die Klassenlehrerin der zweiten Klasse aus dem Anfangsbeispiel bedient sich gern bei den Bewegungsideen. An diesem Montagmorgen erzählt sie ein Bewegungsmärchen, bei dem einzelne Kinder immer dann aufstehen und eine Runde gehen, wenn ein bestimmter Begriff vorgelesen wird. Danach beginnt der Mathe-Unterricht. Die Unruhe ist erst einmal verschwunden.

Info

Kinder haben kurze Konzentrationsspannen
Kinder müssen es erst lernen, die Aufmerksamkeit bewusst zu einem bestimmten Zeitpunkt auf eine bestimmte Sache zu lenken. Im Alter von 5 bis 7 Jahren ist das für bis zu 15 Minuten möglich, bei 7- bis 10-Jährigen für 20 Minuten. 10- bis 12-Jährige können sich bis zu 25 Minuten konzentrieren, 12- bis 16-Jährige etwa 30 Minuten. Eltern sind dabei auch Vorbild: Können sie einfach nur mit dem Kind puzzeln oder haben sie dabei das Handy griffbereit? Springen sie sofort auf, wenn das Telefon klingelt oder lesen weiter vor? Vorlesen ist übrigens eine der besten Übungen für Kinder, um sich konzentrieren zu lernen. Jedem dritten Kind wird inzwischen nicht mehr regelmäßig vorgelesen.