Konstanze Klosterhalfen und Alina Reh, die beiden deutschen Vorzeigeläuferinnen, verbindet ihre Laufleidenschaft. Am kommenden Sonntag starten sie gemeinsam bei den Cross-Europameisterschaften in Dublin mit Chancen auf eine Team-Medaille.
Dublin - Die Läuferinnen Konstanze Klosterhalfen und Alina Reh starten am Sonntag gemeinsam bei den Cross-Europameisterschaften in Dublin (Irland), mit Chancen auf eine Team-Medaille. Aber sie sind dennoch auf ganz unterschiedlichen Wegen unterwegs. Während Klosterhalfen 2018 den Sprung in die USA nach Portland gewagt hat, ist Reh nach einem missglückten Sommer in Berlin wieder auf die Schwäbische Alb zurückgekehrt.
An Selbstbewusstsein mangelt es nicht
Konstanze Klosterhalfen kommt aus dem kleinen Ort Bockenroth am Rhein. Die Welt am Rande des Siebengebirges ist ihr längst zu klein geworden. Auf dem Weg zu großen sportlichen Zielen hat sie sich Ende 2018 auf den Weg zur Elite-Lauftrainingsgruppe ins Nike-Oregon-Projekt in die USA aufgemacht. Dopingvorwürfe und ein rüder Umgang mit Läuferinnen brachten Cheftrainer Alberto Salazar eine vierjährige Sperre ein. „Die Sache ist erledigt, ich habe Salzar seit der WM 2019 nicht mehr gesehen“, sagt die 23-jährige Deutsche jetzt nach ihrer kurzzeitigen Rückkehr aus den USA. Trainer ist inzwischen der 50-jährige ehemalige Langstreckenläufer Pete Julien. „Wir sind das beste Laufteam der Welt“, ist Klosterhalfen überzeugt und versucht den Schatten über dem Projekt beiseitezuschieben.
Deutschland-Starts der jungen Läuferin mit den wehenden Haaren sind selten geworden. Lediglich zweimal, im Sommer in Berlin und zuletzt beim Cross in Pforzheim, ist die WM-Dritte von 2019 über 5000 Meter auf dem Kontinent aufgetreten. Das Olympiajahr war für sie sehr schwierig – eine Überlastungsfraktur im Becken hat die Leichtathletin monatelang außer Gefecht gesetzt. „Ich hatte zu wenig Zeit zur Vorbereitung auf Tokio, deshalb habe ich mit dem achten Platz das Beste daraus gemacht.“ Laufen ist ihre Leidenschaft, ohne die die leichtgewichtige Läuferin nicht sein kann.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Die Doping-Affäre um Alberto Salazar
Corona habe sie hingegen in den USA kaum behindert: Maskenpflicht ja, an jeder Supermarktecke eine Teststation, die Cafés seien offen, alles Teil von Normalität. Ihr Apartment liegt nur wenige Minuten vom Trainingscampus entfernt, sie könne ungehindert nach Downtown und in die Mall gehen. Was ihr die Zeit in den USA bisher gebracht hat? „Ich bin an Herausforderungen gewachsen“, beschreibt Klosterhalfen ihren Reifungsprozess.
Zur Vorbereitung der Cross-EM in Dublin ist sie zehn Tage nach London geflogen, um dort mit Lauflegende Sonia O’Sullivan, ehemalige irische Cross-Weltmeisterin, auf einer Rasenrundbahn im Stadtteil Teddington zu trainieren. Klosterhalfen präsentierte sich in Pforzheim in ausgezeichneter Form und wurde dafür jetzt als Europas Leichtathletin des Monats ausgezeichnet. Ihr letztes Cross-Rennen liegt vier Jahre zurück. Damals in Samorin (Slowakei) wurde sie Zweite bei der U-23-EM – hinter Alina Reh.
Montagabend: Alina Reh kommt vom Cross-Training in Dornstadt (bei Ulm) zurück nach Laichingen. Gleich anschließend geht’s ins Einzelhandelsgeschäft ihrer Mutter – als Urlaubsvertretung. Erst spät am Abend Regeneration. Reh ist eine Dauerläuferin ohne Pause.
Von der schwäbischen Alb nach Berlin und wieder zurück
Sie ist ein Kind der Schwäbischen Alb: raues Klima, hügeliges Gelände, kantige Menschen – das hat Alina Reh geprägt und war die Grundlage ihrer Erfolge. Sechsmal war sie deutsche Meisterin, bei der EM 2018 in Berlin erhielt sie wegen eines Dopingfalles über 10 000 Meter im Nachhinein Bronze.
2020 folgte Alina Rehs überraschender Wechsel zum SCC nach Berlin, weil ihr Trainer zurückstecken musste. Bundestrainer André Höhne, ehemaliger Weltklassegeher, sollte Reh im Olympischen Trainingszentrum in Kienbaum abseits der Großstadt in die internationale Spitze führen. Statt sportlich durchzustarten wurde das Olympiajahr 2021 für Alina jedoch turbulent und wird in keiner guten Erinnerung bleiben. Der Kindheitstraum Olympische Spiele in Tokio erfüllte sich nicht.
Das große Pech bei großen Sportereignissen
Auch hier war eine Verletzung verantwortlich: Ein Ermüdungsbruch im Wadenbein hatte eine mehrwöchige Zwangspause zur Folge. Allein auf den Dauerläufen um Kienbaum war Alina Reh verloren gegangen, wie Trainer Jürgen Kerl erkannt hatte. Das Hauptstadtprojekt Berlin war gescheitert. Am Ende des Sommers brach Reh den Berlin-Trip ab und kehrte nach Laichingen zurück zu ihrem alten Trainer Kerl. „Ich gehöre auf die Schwäbische Alb“, sagt die 24-Jährige im Rückblick, „hier fühle ich mich wohl.“ Es sei ein Privileg, hier laufen zu dürfen. Berlin sei einige traurige Zeit gewesen, auch weil der ihr sehr nahestehende Großvater in dieser Zeit gestorben ist. Höhen und Tiefen kennt Reh. Schon 2019 bei der WM in Doha musste sie die Kunststoffbahn im Rollstuhl verlassen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Konstanze Klosterhalfen und Alina Reh – USA oder Schwäbische Alb?
Alina Reh hat sich ihrem Wesen als Älblerin nach immer wieder zurückgekämpft. Das Wettkampf-Comeback im September in Tübingen war vielversprechend, doch ganz die Alte ist sie noch nicht. Bei den deutschen Meisterschaften über zehn Kilometer auf der Straße wollte sie ihren zweiten Titel holen, musste jedoch überraschend der Mittelstrecklerin Hanna Klein (Tübingen) den Vortritt lassen. Vor einer Woche in Pforzheim beim letzten Test vor der Cross-EM in Dublin unterlag sie nach Startproblemen ihrer Konkurrentin Klosterhalfen und wurde Zweite. Trotzdem ist dort wieder eine lockere und unbeschwerte Alina Reh aufgetreten. Auch sie ist in diesem Jahr gereift.
„Ich denke, wir haben in Dublin gute Chancen auf eine Team-Medaille“, schätzt Alina Reh, sie selber wäre mit einer Top-Ten-Platzierung zufrieden. Schon jetzt geht der Blick ins „Megajahr“ 2022 mit Welt- und Europameisterschaften in Eugene (USA) und München. Denn dort möchte die Davonläuferin von der Alb über 10 000 Meter am liebsten auf dem Podium stehen.