Die Arbeitsgruppe, die in Baden-Württemberg den Turnskandal aufarbeiten und Lösungen für die Zukunft finden soll, hat ihre Arbeit aufgenommen. Klaus Pflieger ist der Vorsitzende – und hat sich nun erstmals geäußert.
Würde man seine Frau fragen, scherzt Klaus Pflieger, sie würde sein Handeln vermutlich so beschreiben: „schnell und schludrig“. Dass er ganz anders kann, muss Klaus Pflieger eigentlich nicht groß belegen. Nennt dann aber doch Beispiele aus seinem Berufsleben. Etwa jenes: „Zwei Terroristen der RAF haben bei mir ihre Lebensbeichte abgelegt.“ Es ging dabei um: Mord.
Klaus Pflieger war unter anderem Generalstaatsanwalt in Württemberg, nun aber hat der bald 78-Jährige einen anderen Auftrag. „Wir suchen nicht nach Schuldigen“, sagt er. Sondern: „Wir müssen ein Angebot machen, damit Betroffene Gehör finden und den Eindruck haben, dass sie bei uns gut aufgehoben sind.“ Es geht dabei um: die Zustände im Leistungssport Turnen. In Baden-Württemberg an den Standorten Stuttgart und Mannheim. Aber womöglich auch darüber hinaus. „Wir wollen nach vorne schauen“, sagt Pflieger, der nun Vorsitzender einer Arbeitsgruppe, die der Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) zusammengestellt hat.
Anfang April hat sich die Gruppe konstituiert, am Mittwochabend ihre erste Arbeitssitzung abgehalten. Man habe, betont Pflieger, eine „Topbesetzung“.
Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport im Land hatte den LSVBW damit betraut, ein Team für eine eigene Aufarbeitung der Geschehnisse der vergangenen Monate zu gründen. Viele ehemalige und auch aktive Turnerinnen hatten öffentlich über den Umgang an den Stützpunkten und dem problematischen Auftreten von dortigen Trainerinnen und Trainern berichtet. In Stuttgart wurden ein Coach und eine Trainerin daraufhin vom Schwäbischen Turnerbund (STB) freigestellt. Die frühere Bundestrainerin Ulla Koch ließ erst ihr Amt als Vizepräsidentin des Deutschen Turner-Bundes (DTB) ruhen, dann trat sie zurück. Die Nachwuchsbundestrainerin Claudia Schunk (Mannheim) ist vorübergehend freigestellt. Der DTB beauftragte eine Frankfurter Kanzlei, die Dinge aufzuarbeiten, um danach in einer Expertenrunde über Konsequenzen zu beraten. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart.
Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe
Seitdem die Behörde den Fall auf womöglich strafrechtliche Handlungen untersucht, ist von der zukunftsgerichteten Aufarbeitung nicht mehr viel zu hören gewesen. Aber: Das Kultusministerium in Stuttgart wollte sich auf die Kanzlei aus Frankfurt nicht verlassen – weshalb nun eben Klaus Pflieger der Vorsitzende der Arbeitsgruppe ist, die vier weitere Mitglieder hat.
Die Schweizer Sportwissenschaftlerin Natalie Barker-Ruchti, die als Expertin für Ethik im Sport gilt. Carmen Borggrefe, die als Professorin am Sportinstitut der Universität Stuttgart zur Soziologie im Spitzensport forscht. Der Sportwissenschaftler Klaus Cachay, der einst auch zur Sozialkompetenz von Trainerinnen und Trainern geforscht hat. Und Nadine Hildebrand. Die frühere Hürdensprinterin ist mittlerweile Juristin und vertraut mit dem Themenbereich Recht und Compliance.
Die Gruppe will aus den bekannten Fällen und durch Gespräche mit Betroffenen, Trainerinnen und Trainern, Eltern und Funktionären „grobe Weichenstellungen“ für die Zukunft ableiten, diese dem organisierten Sport dann als Aufgabe übergeben. Aber: Schon bevor die Gruppe ihre Arbeit aufgenommen hat, gab es Kritik an ihrer Zusammensetzung.
„Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich erhebliche Bedenken ob der Umsetzung der vom Landessportverband Baden-Württemberg eingeleiteten Untersuchung habe“, schrieb etwa Janine Berger jüngst an die Landeskultusministerin Theresa Schopper. Die frühere Olympiastarterin ist eine jener Turnerinnen, die öffentlich über ihre eigenen Erfahrungen im Leistungssport berichtet hatte. Nun betrachtet sie in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, bei einzelnen Mitgliedern der Arbeitsgruppe „die persönliche Unabhängigkeit kritisch“.
Diese Haltung wiederum überrascht andere Teilnehmende einer Gesprächsrunde, in der der LSVBW über die Gründung der Arbeitsgruppe informiert hat – und in der auch Janine Berger zugegen gewesen ist. Auch diese Reaktion auf Bergers Bedenken ist der Ministerin schriftlich zugegangen. Dass die Unabhängigkeit der Arbeitsgruppe das höchste Gut ist, weiß auch Klaus Pflieger. Der ist zwar dem LSVBW-Präsidenten Jürgen Scholz freundschaftlich verbunden und war auch Gemeinderat von Sersheim unter dem Bürgermeister Scholz. Dennoch könne es keine Zweifel an seiner Integrität geben, erklärt der Jurist – und nennt auch hier Beispiele.
Einst habe seine Behörde ein Verfahren gegen die eigene damalige Justizministerin des Landes eingeleitet. Und: Nach dem Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten am so genannten schwarzen Donnerstag habe es ein Ermittlungsverfahren gegen die eigene Polizei gegeben. „Wenn wir es nun anders handbaben“, sagt Pflieger, „haben wir verloren.“
Der künftige Spitzensport soll jedoch von der Arbeit der Gruppe um Klaus Pflieger einen Gewinn davontragen. Sie will aufzeigen, wie ambitionierter und erfolgsorientierter Leistungssport unter Rahmenbedingungen stattfinden kann, die die Grenze zum Missbrauch nicht überschreiten. Dafür nötig ist auch ein Drahtseilakt, der bewältigt werden muss. Denn die Staatsanwaltschaft hat schon signalisiert, dass sie keine Einsicht in die eigenen Ermittlungen geben wird – trotz Pfliegers besten Kontakten zur Behörde.
Dennoch kann und will die Arbeitsgruppe nicht erst tätig werden, wenn die Staatsanwaltschaft Ergebnisse ihrer Ermittlungen bekannt gibt. „Wir können nicht erst zu Potte kommen, wenn der Markt verlaufen ist“, sagt Klaus Pflieger und stellt einen ersten Zwischenbericht bis Juli diesen Jahres in Aussicht. Einen Termin für abschließende Empfehlungen gibt es nicht.
Klar ist dabei: Egal, was die Gruppe am Ende erarbeitet – es wird erst einmal nicht bindend sein für den organisierten Sport. Der LSVBW-Präsident Scholz zieht sich von nun an mit seinem Verband zwar aus der Arbeit der AG zurück, versichert aber: „Wir werden sehr genau prüfen, ob wir die Empfehlungen auch ins Zuwendungsrecht übertragen können.“ Soll heißen: Übers Geld lassen sich notwendige Veränderungen leichter umsetzen. Auch Fördermittel an den STB sind im Rahmen der aktuellen Fälle vorerst eingefroren worden. Für den Fall, dass ganz neue, zusätzliche Stellenprofile für einen veränderten und gesünderen Spitzensport nötig sein sollten, verspricht Jürgen Scholz: „Am Geld darf das nicht scheitern.“
Wie lange die AG in Summe zusammenarbeiten wird, ist noch unklar. „So zügig wie möglich, so genau wie nötig“ wolle man agieren“, sagt Klaus Pflieger. Also ganz und gar nicht „schnell und schludrig“.