Ein TGV und ein ICE (r) stehen am 10.12.2010 auf der Rheinbrücke in Kehl. Foto: dpa

Die Verhandlungen von Siemens mit dem französischen Wettbewerber Alstom befinden sich laut Insidern auf der Zielgeraden. Die industrielle Führung soll bei Siemens liegen. Ein Franzose soll Chef des Unternehmens werden.

München - Siemens stellt die Weichen in der Bahntechnik auf eine Fusion mit dem französischen Unternehmen Alstom. Absegnen soll das seit Monaten hinter den Kulissen verhandelte Vorhaben am Dienstagabend der Aufsichtsrat der Münchner, erklärt eine mit den Gesprächen vertraute Person. Parallel dazu würden die zuständigen Alstom-Gremien tagen. Siemens äußerte sich zu dieser Darstellung und weiteren Details nicht. Demnach soll die Mehrheit des deutsch-französischen Gemeinschaftsunternehmens bei Siemens liegen. Französische Medien hatten dagegen vorigen Freitag über einen Minderheitsanteil von Siemens berichtet. Die Münchner würden aber auf 50 Prozent plus eine Aktie und damit die industrielle Führung bestehen, betonte ein Insider.

Offiziell gelte das Bündnis auf der Schiene als Fusion unter Gleichen. Siemens wolle aber auf französische Befindlichkeiten Rücksicht nehmen und die eigene Führungsrolle nicht betonen. Über Fusionen in der Bahntechnik wird seit Jahren spekuliert. Sie sind aber nicht nur politisch sondern auch kartellrechtlich schwierig, weil es im Westen mit Siemens, Alstom und der kanadischen Bombardier nur drei große Hersteller gibt.

Leidensdruck ist größer geworden

Vor zwei Jahren haben sich dann in China zwei Bahntechnikkonzerne zu einem neuen Weltmarktführer namens CRRC zusammengeschlossen, der nun auch auf westliche Märkte drängt. Das hat den Leidensdruck bei Siemens & Co verstärkt, wobei die Münchner am besten im Vergleich zu Alstom und speziell dem Sanierungsfall Bombardier dastehen.

Einen Stellenabbau soll es bei einem Zusammenschluss von Deutschen und Franzosen zumindest für eine Übergangszeit weder in Deutschland noch in Frankreich geben. Was nach dieser Schonfrist kommt, müsse dann die wirtschaftliche Entwicklung zeigen, heißt es im Umfeld der beiden Fusionspartner.

Das 1928 gegründete Unternehmen Alstom beschäftigt allein in Deutschland 3000 seiner insgesamt rund 31 000 Mitarbeiter. Für Siemens sind in der gesamten Bahntechnik mit den heimischen Hauptstandorten Erlangen, Berlin, Krefeld, Braunschweig und München rund 27 000 Mitarbeiter tätig. „Es ist schon alles ziemlich perfekt ausgearbeitet, kann aber noch scheitern“, sagt eine mit den Gesprächen vertraute Person. Zum einen müssten die beiden Partner in spe aber erst noch einen vertieften Blick in die Bücher des jeweils anderen Unternehmens werfen, zum anderen müsse man die EU-Kartellhüter überzeugen, vor allem den globalen Markt im Blick zu haben. Siemens und Alstom würden dabei auf politische Schützenhilfe speziell auf die bestehende Achse aus Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron zählen.

Bombardier stehe mit dem Rücken zur Wand

Eine über Monate ebenfalls verhandelte Alternativfusion mit Bombardier habe Siemens verworfen, heißt es im Umfeld des Unternehmens. Bombardier stehe trotz aller Sanierungsbemühungen wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand und sei ein zu großes Risiko. Auch kartellrechtlich sei ein Zusammengehen mit Alstom eher vermittelbar, weil diese Variante größere politische Schützenhilfe erlaube. Dennoch seien Auflagen seitens der Kartellwächter zu erwarten, die „nicht ohne“ sind. Zum Beispiel kämen bei einer Fusion von Siemens und Alstom in der Bahntechnik die beiden Hochgeschwindigkeitszüge ICE (Siemens) und TGV (Alstom) unter ein Dach. Potentieller Käufer abzugebender Geschäftsteile sei wohl nicht Bombardier sondern der eine oder andere mittelgroße Bahntechnikanbieter, heißt es. Selbst im günstigsten Fall werde es wohl gut ein Jahr dauern, bis die geplante deutsch-französische Fusion endgültig stehe.

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