Sind Frauen in der Kunst bisher zu wenig beachtet worden? Das Kunstmuseum Stuttgart schaltet sich mit der besten Antwort in die Debatte ein und zeigt die unbedingt empfehlenswerte Schau „Konkrete Künstlerinnen“.
Stuttgart - An großen Namen mangelt es in der Kunst des 20. Jahrhunderts nicht. Und längst stehen, mit Ausnahme wohl des deutschen Expressionismus und der US-amerikanischen Land-Art, durch die Jahrzehnte Frauen und Männer in einer Durchsetzungsreihe der jeweiligen Stile. Und doch dominiert die Lesart, die Eva-Marina Froitzheim ihrem Projekt „Konkrete Künstlerinnen“ im Kunstmuseum Stuttgart voranstellt: „Die konkrete Kunst gilt landläufig bis heute als rein männliche Domäne. Die Ausstellung möchte nun die weiblichen Vertreterinnen dieser Kunstrichtung sichtbar machen.“
Große Namen versammelt
Muss man Sonia Delaunay (1885–1979), Aurélie Nemours (1910–2005), Geneviève Claisse (1935–2018), Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) oder auch die als Baumeister-Schülerin von Stuttgart aus aufgebrochene Charlotte Posenenske (1930–1985) „sichtbar machen“? Wohl kaum. Längst sind ihre Werke fest im musealen Ausstellungs- und Sammlungskanon (und Wettlauf) verankert.
Nicht genug, „Konkrete Künstlerinnen“ verordnet sich gleich einen zweiten Binnenrahmen – „eine kunstsoziologische Perspektive, die das individuelle Tun der Frauen in den Vordergrund rückt“. Dieses zielt letztlich, so die These, darauf, die Einheit von Leben, Kunst und Kultur in Arbeitsweisen sichtbar zu machen, die parallel in Kunst und Gestaltung Anwendung finden. Ist dies aber nicht Grundlage aller konkreten Kunst?
Achterbahnfahrt durch das Kunstmuseum
Reichlich Ballast also beschwert das auf den drei Stockwerken des Kunstmuseums-Kubus realisierte Projekt – und das schüttelt ihn schon im ersten Raum souverän ab. Frauen? Männer? Farbe, Form und Intensität bestimmen die Szenerie, entwickeln auf kleinstem Farbraum begeisternde Welten. Sophie Taeuber-Arp eröffnet eine Ausstellung, die in sich zu einer Achterbahnfahrt avanciert – mit ungemeinen Beschleunigungen und bewussten Bremsmanövern, immer aber mit dem Kitzel, was nach der nächsten Kurve folgt. Es hagelt Entdeckungen – nicht von Namen, sondern von Werken: etwa Clara Friedrich Jezlers buchstäblich doppelbödiger Malerei auf Holz und Glas von 1948, Sonia Delaunays großformatigen Farbrhythmen von 1959 und Katarzyna Kobros ursprünglich in den 1920er Jahren entwickelten Raumplastiken.
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Fast lässt einen die folgende Debatte, ob Schönheit sich eher konstruieren (und auf alles übertragen) lässt wie bei Sonia Delaunay oder – unter Benutzung einfachster Alltagsmaterialien – doch besser analysieren wie bei Marcelle Cahn, schwindeln.
Glühbirnen aus Stuttgart für die Kunstwelt
Das Feuerwerk beruhigt sich im zweiten Obergeschoss mit den klugen Farbformationen von Verena Loewensberg, den Raumdurchmessungen von Vera Molnar und der bei aller vorgetragenen Leichtigkeit der Andeutung doch fast plastischen Präzision der Malerei Aurélie Nemours’ nur scheinbar. Ungebremst führen im dritten Obergeschoss die metallenen Raumkonstrukte von Charlotte Posenenske und die Bildleuchtkästen von Lily Greenham das Ringen von Analyse und Konstruktion weiter – bis hin zu jenem folgerichtigen Punkt, an dem die 1924 in Wien geborene und 2001 in London gestorbene Lily Greenham mit ihren mit Glühbirnen von Elektro Ziegler aus Stuttgart bestückten Erfolgsgaranten bricht und sich ganz der lautmalenden Wortkombinatorik verschreibt.
Achterbahn-Stopps in der Sammlung
„Konkrete Künstlerinnen“ macht süchtig, provoziert eine zweite und dritte Fahrt mit der sich „zwischen System & Intuition“ (Untertitel der Ausstellung) windenden Achterbahn. Könnte da die Fahrt nicht noch weitergehen, gar auch durch die Sammlungsräume hindurch? Das ist möglich – und unbedingt empfehlenswert. Schon der Empfang scheint ein Echo aus den oberen Stockwerken: Der bildnerische Farbklangraum der US-Amerikanerin Sarah Morris gibt einen Takt vor, den im Erdgeschoss vor allem die Dia-Objekte von Hanne Brenken (1923–2019) aufnehmen, eine absolute Entdeckung in der auf der Sammlung Teufel fußenden Konkreten-Phalanx im Kunstmuseum Stuttgart. Eine eigene Rhythmik markiert die Bildwelt von Marie-Luise Heller (1918–2009).
So macht man sich auf in das Untergeschoss des Kunstmuseums Stuttgart – und endet ungewollt hintersinnig bei Werken der aktuell umfassend in der Kunsthalle Tübingen präsentierten Karin Sander. Mit der Konzeptkünstlerin von heute schließt sich der ganz große Kunstmuseums-Kreis, ihre Werke erschließen zudem eine der Kernfragen des Konkreten – Formen der Beteiligung.
Schau voller Intensität
Kurz: Weist der etwas nüchterne Ausstellungstitel „Zwischen System & Intuition: Konkrete Künstlerinnen“ in Richtung einer freundlichen Reihung, sprüht die Schau tatsächlich vor Intensität. Nur zu gern lässt man sich in die entstehenden Wirbel hineinziehen – die nächste Überraschung wartet bestimmt. Dass keiner der zwölf Beteiligten ein Mann ist, spielt längst keine Rolle mehr.
Stimmt das aber auch? Die Frage stellt sich, wenn sich per individuell erlebbarem digitalem Hinweisgeber die kunstwissenschaftlichen Scheinwerfer auf Fragen der Vernetzung, der Rolle der Galerien oder der finanziellen Situation von Frauen in der Kunst richten. Die Konzentration auf Künstlerinnen setzt offenbar eine eigene Energie frei. Damit bestätigt sich die bildnerische und plastische Debatte über das Verhältnis von Fläche, Form, Linie, Raum, Farbe und Intensität als ungemein spannende Angelegenheit.
Studierende entwerfen Sitzmöbel
Für das Kunstmuseum Stuttgart ist „Konkrete Künstlerinnen“ ein Paukenschlag, der auch national beachtet werden dürfte. Da passt es, dass die Ausstellungsräume von Mobiliar jüngster Gegenwart bevölkert werden – Studierende der Stuttgarter Kunstakademie entwickelten Sitzgelegenheiten und Vitrinen mit eingebautem Frischefaktor und eigener Dialogqualität.
Info: Gut zu wissen
Die Ausstellung
Zu sehen sind im Kubus des Kunstmuseums Stuttgart (Schlossplatz) auf tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche mehr als 200 Arbeiten von zwölf Künstlerinnen. Erarbeitet haben „Zwischen System & Intuition: Konkrete Künstlerinnen“ Eva-Marina Froitzheim und Tina Weingardt (Wissenschaftliche Assistenz).
Die Zeiten
Geöffnet ist die Ausstellung von 26. Juni an bis zum Sonntag, 17. Oktober – jeweils Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Freitags ist von 10 bis 21 Uhr geöffnet.
Die Preise
Der Eintritt kostet – inklusive Sammlung – 11 Euro, ermäßigt 8 Euro. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Der Katalog (Wienand-Verlag) kostet vor Ort 28 Euro.