Die Stimmung bei den Unternehmen wird wieder besser. Dadurch rückt auch der Mangel an Fachkräften wieder mehr in den Mittelpunkt.
Stuttgart - Sowohl in der Region als auch im Land investieren die Unternehmen nach den Ergebnissen der jüngsten Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart wieder mehr. „Für die Unternehmen in der Region geht es nach der Coronakrise insgesamt deutlich aufwärts“, sagte Johannes Schmalzl, der Hauptgeschäftsführer der Stuttgarter Kammer. Diese ist in Konjunkturfragen auch federführend innerhalb des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Corona trifft die Region Stuttgart härter als das Land
Bei den Investitionen geht es allerdings nach den Ergebnissen für Baden-Württemberg offenbar um bisher aufgeschobene Investitionen. So nennen fast zwei Drittel der Unternehmen Ersatzbedarf als wichtigstes Motiv für ihre Investitionsausgaben. An zweiter Stelle stehen Ausgaben für die Digitalisierung mit 54 Prozent. Kapazitätserweiterungen nennen dagegen nur 30 Prozent der Unternehmen als Grund.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Die Wirtschaft fasst wieder Tritt
Vor allem die Industrie hat sich relativ schnell aus der Krise herausgekämpft. Die Kapazitätsauslastung liegt bereits seit Beginn des Jahres wieder über dem Niveau von vor der Krise, die Ertragslage hat inzwischen fast wieder das Niveau von 2019 erreicht. Im Fahrzeugbau hat sie sich allerdings wegen Problemen mit den Lieferketten inzwischen wieder verschlechtert. Dagegen konnten Maschinenbau und Elektrotechnik ihre Erträge seit dem Frühsommer nochmals deutlich steigern. Sowohl Fahrzeughersteller als auch Maschinenbauer rechnen damit, ihre Exporte wieder deutlich erhöhen zu können. „Die Entwicklung wird allerdings im Rest des Jahres nicht mehr so dynamisch sein wie im ersten Halbjahr“, sagte der Geschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA, Dietrich Birk. Insgesamt rechnen die Maschinenbauer für das laufende Jahr mit einem deutlichen Umsatzplus.
Unternehmen rechnen mit guten Exporten
Die Exporterwartungen sind aber nicht nur beim Maschinenbau gut. Insgesamt nehmen 40 Prozent der Unternehmen im Land an, dass sie ihre Ausfuhren steigern können. Dazu trüge vor allem eine erhöhte Nachfrage im Euroraum und in Nordamerika bei.
Die Hälfte aller Unternehmen – sowohl im Land als auch in der Region – stuft ihre aktuelle Lage als gut ein. Für die kommenden zwölf Monate rechnen ebenfalls 50 Prozent mit einer weiter positiven Entwicklung. Als Risiken werden neben Problemen mit den Lieferketten und der Pandemie auch hohe Materialpreise bezeichnet. Schmalzl rechnet damit, dass die Engpässe bei manchen Produkten bis Ende des kommenden Jahres 2022 andauern werden. Große Sorgen machen sich die Unternehmen über die Entwicklung bei den Preisen für Energie und Rohstoffe. Acht von zehn Firmen sehen darin oder in der mangelnden Verfügbarkeit von Material ein großes Risiko.
Bau: Fachkräftemangel schlimmer als Materialpreise
Gedreht hat sich der Wind inzwischen am Bau: „Seit September ist der Facharbeitermangel wieder ein größeres Problem als die Materialknappheit“, erklärte Thomas Möller, der Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg. „Wir brauchen ein geregeltes Einwanderungsrecht“, meinte Möller. Für die Kunden werde Bauen auch wegen der hohen Materialpreise „teuer bleiben“. So seien die Preise für neue Wohngebäude im August um fast 13 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats gelegen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Azubis und Fachkräfte verzweifelt gesucht
„Weiterhin prekär“ ist nach den Ergebnissen der Umfrage die Lage im Einzelhandel. Nur elf Prozent der Unternehmen sehen bei ihren Kunden ein „kauffreudiges Verhalten“. Dies ist sogar noch etwas weniger als im Frühsommer. „Es gibt eine große Zurückhaltung beim Konsum“, sagte Sabine Hagmann, die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg. Ihr Verband fordere zwar keinen Verzicht auf Masken, „aber Einkaufen mit Maske macht immer noch keinen Spaß“, meinte Hagmann. Zudem sparten die Verbraucher angesichts der stark gestiegenen Benzinpreise wohl bei den Ausgaben im Handel.
Wie praktisch jede Branche klagt auch der Handel derzeit über einen spürbaren Mangel an Fachkräften. Diese sind teilweise in andere Bereiche abgewandert, etwa in die Industrie. Auch das Hotel- und Gastgewerbe sucht dringend neue Beschäftigte. Ihre aktuelle Lage bezeichnen zwar 54 Prozent der Unternehmen weiter als schlecht, im Frühsommer waren dies dagegen noch fast hundert Prozent gewesen.
Handwerk zeigt Zuversicht
Im Handwerk haben sich vor allem die Berufe erholt, die stark von Schließungen wegen Corona betroffen waren wie etwa Friseure. „Die Umsätze im Handwerk haben deutlich an Dynamik gewonnen“, sagte der Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags, Rainer Reichhold. Nach der jüngsten Umfrage seiner Organisation berichteten inzwischen ein Drittel aller Unternehmen von steigenden Umsätzen. Als größtes Risiko sieht Reichhold für seinen Wirtschaftszweig „die extrem steigenden Einkaufspreise“ für Materialien an. Die meisten der Handwerksbetriebe mit ihren 810 000 Beschäftigten im Südwesten rechnet für den Rest des Jahres mit einer weiter guten Entwicklung, knapp ein Drittel mit einer Verbesserung.