Das Landespolizeiorchester und sieben musikalische Vereine aus Böblingen bespielen an zwei Abenden am Wochenende den Europasaal der Kongresshalle. Der kulturelle „Restart“ ist gelungen, der Erlös geht an Ukraine-Flüchtlinge.
„Musik sagt mehr als tausend Worte“, das mag als Resümee für den „Restart“ 2022 gelten, der jetzt am Wochenende in der bestens besuchten Kongresshalle stattfand. Federführend auf Vereinsseite war das Orga-Team um Mit-Initiator Frank Wolf, Ehrenvorsitzender der Feuerwehr-Musikkapelle Dagersheim. Der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz hatte die Schirmherrschaft übernommen.
Und dieses Wochenende in Tönen führte einem mal wieder vor Augen, warum Deutschland mit Recht als ein Kulturland gelten darf. An beiden Abenden kamen jeweils mehr als 350 Gäste. Oberbürgermeister Belz freute sich sichtlich, welche konzertreifen Aktivitäten in dieser Stadt vital sind und welche emotionale Bedeutung Musik für das soziale Leben einer Kommune hat. Immerhin darf Böblingen den von der Bundesregierung verliehenen Titel „Ort der Vielfalt“ für sich in Anspruch nehmen. Denn nicht nur die Spitzenleistungen der Profis vom hier ansässigen Landespolizeiorchester sind bemerkenswert, sondern auch der beachtliche Unterbau mit Musikerinnen und Musikern, bei denen es in erster Linie um die Freude am künstlerischen Tun und Ausdruck geht. Moderiert wurden die Konzerte von Anastasia See und Thomas Urbiks.
Am Samstag gaben die Profis den Ton an
Die Einschränkungen, die dieses kleine heimtückische Virus für die musiktreibenden Bürgerinnen und Bürger mit sich bringt, liegen ja nicht nur im Bereich der Konzerte, sondern tatsächlich auch im aktiven Zusammenleben – denn ohne viele Proben, die auch Arbeit bedeuten, ist eine Konzertdarbietung nicht möglich. Gerade in dem gemeinsamen Prozess der kreativen Freizeitarbeit liegt der wertvolle Faktor des Musizierens – für Profis und für Laien.
Die Profis gaben am Samstagskonzert den Ton an, denn das gastierende Landespolizeiorchester besteht aus Berufsmusikern, es hat seinen Sitz in der Böblingen Wildermuthkaserne. Wenn sie mit dem silberblauen Auto unterwegs sind, geben die Polizisten ja recht eintönig eine Quarte von sich. Das Orchester hingegen realisierte einen brillant gespielten Überblick zum Typus der sinfonischen Blasmusik. Dirigent Stefan Halder: „Als Orchester sind wir auch ein Bindeglied zwischen Polizei und Bürgern, die Atmosphäre in der Kongresshalle war spürbar ungewöhnlich gut.“
Junger Kammerchor spannt vielgestaltigen Bogen
Auf dem Programm standen von André Waignein die „Deux Mouvements“ für Saxofon und Orchestra, von Georges Bizet die L’Arlesienne-Suite Nr. 2, von Alfred Reed Armenian Dances und von Fynn Müller A Swabian in New York.
Der junge Kammerchor, ein Ensemble von ausgeprägter Stimmbildung, spannte einen vielgestaltigen musikalischen Bogen von Opernmelodien (Delibes, Rossini) bis hin zu Popklassikern. Bemerkenswert sicherlich die Arie „Torna di Tito“ von Mozart, interpretiert vom Eigengewächs Angela Castellani, die den Weg zum Musikstudium gefunden hat.
130 Mitwirkende am Samstagabend
130 Mitwirkende teilten sich dann am Sonntagabend die Bühne der Kongresshalle. Im Einzelnen: Der Liederkranz Dagersheim, der Harmonikaclub Dagersheim, die Feuerwehrmusikkapelle Dagersheim, der Liederkranz Böblingen mit dem Chor Vocalix, der Harmonika-Spielring Böblingen und die Stadtkapelle Böblingen.
Bemerkenswert in dem Reigen der Darbietungen war nicht nur die Suite aus der Oper „Carmen“ von Bizet, sondern auch das Outfit der Dirigentin, deren rotes Rüschenkleid perfekt in die Operninszenierung gepasst hätte.
Am Ende stehen alle gemeinsam auf der Bühne
Es ist schier unmöglich, bei solch einem reichhaltigen und langen Konzert auf einzelne Leistungen einzugehen, besonders im Ohr hängen blieben allerdings die Klänge aus Webbers Musical „Joseph“, der Karat-Schlager „Über sieben Brücken musst du gehen“, Ellingtons „Akkordeon Joe“, „Moment for Morricone“, Cohens „Halleluja“ und abschließend Satoshi Yagisawas „Flowers of Dreams“.
Bewegend war nicht nur der jeweils begeisterte Applaus des Publikums, sondern auch die Tatsache, dass sich die Gruppen auf der Bühne jeweils gegenseitig die entsprechende Anerkennung zollten. Keine Überraschung: Zum Ausklang versammeln sich alle 130 Musikerinnen und Musiker gemeinsam auf der doch ausreichend großen Bühne des Europasaals. Musiziert wurden die sogenannte Europahymne, bekanntermaßen der Schluss aus Beethovens neunter Sinfonie, und – in diesen Zeiten von besonderer Bedeutung – Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag“, das der Berliner Pfarrer in der Nazihaft schrieb und das später Eingang in das Gesangbuch der evangelischen Kirchen fand.
4600 Euro für die Ukraine-Hilfe
Das musikalische Wochenende in der Kongresshalle war zugleich als Benefizkonzertreihe geplant. Der Erlös in Höhe von 4600 Euro geht vollständig an die städtische Ukraine-Hilfe.
Veranstaltungsmanager Andreas Wolfer vom Böblinger Amt für Kultur war am Ende hochzufrieden: „Ein überaus gelungenes Wochenende mit viel Freude, Begeisterung und Leidenschaft – auf der Bühne für die Gruppen und Vereine, aber natürlich auch im Publikum. Alle waren sehr dankbar, dass solche Veranstaltungen mit hoher musikalischer Qualität wieder möglich sind nach dieser langen Zeit.“