Kontaktabbrüche in Familien nehmen zu, sagt die Therapeutin Claudia Haarmann. Warum sich junge Leute von ihren Eltern lossagen – und wie man wieder zusammenfinden kann.
Claudia Haarmann ist gerade in diesen Tagen wieder eine gefragte Expertin zum Thema Kontaktabbruch in Familien. Seit Brooklyn Beckham, Sohn von Ex-Star-Fußballer David Beckham und Ex-Spice-Girl Victoria Beckham, auf Instagram mit seinen Eltern Schluss gemacht hat, ist das Thema im Fokus.
Schließlich sind nicht nur Promis von Entfremdungsgefühlen betroffen, sondern auch viele ganz normale Familien, wie Haarmann sagt. Seit fast 20 Jahren befasst sie sich mit dem Thema, hat mehrere Bücher dazu geschrieben. Anruf in Essen.
Frau Haarmann, Star-Spross Brooklyn Beckham hat sich gerade von seinen berühmten Eltern losgesagt, er möchte keinen Kontakt mehr. Ein Phänomen, das zunimmt, wie Sie sagen.
Wir Therapeuten beobachten das tatsächlich seit einiger Zeit. Wir haben dazu in Deutschland auch gute Zahlen. Bei einer Studie der Universitäten Halle und Köln brachen 20 Prozent der 20- bis 45-Jährigen im Beobachtungszeitraum von zehn Jahren den Kontakt zum Vater ab, fast zehn Prozent zur Mutter. In Großbritannien hat sich mit „Stand Alone“ mittlerweile sogar eine Organisation gegründet, die sich ausschließlich mit dem Thema beschäftigt. Dort weiß man, dass 50 Prozent der Familien Kontaktabbrüche kennen oder es zu einer Entfremdung kommt. Im angloamerikanischen Raum spricht man von einer stillen Epidemie, weil es so viele Familien betrifft.
Die hohen Zahlen legen nahe, dass es hier nicht nur um schwer zerrüttete Familien geht.
Richtig. Natürlich gibt es die Familien, in denen sexueller Missbrauch und Gewalt passieren, wo es Suchtthematiken gibt oder die Eltern sehr schwer psychisch erkrankt sind. In solchen Fällen müssen die erwachsenen Kinder definitiv eine Grenze ziehen, um trotz der Bürde ein gutes Leben führen zu können. Über diese Familien spreche ich aber nicht, sondern über ganz normale Familien mit Thematiken, die wir teils seit Jahrzehnten kennen.
Welche Gründe nennen Ihre Klienten für den Kontaktabbruch?
Das kann man grob in zwei Gruppen unterteilen. Manche spüren eine große Distanziertheit zu ihren Eltern und sagen: Wissen Sie, ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mal bei meiner Mutter auf dem Schoß gesessen hätte. Die Eltern haben sich schon gekümmert und vieles für ihre Kinder getan, konnten aber keine Nähe herstellen.
Und die zweite Gruppe?
Das Interessante ist, dass die weit größere Gruppe mittlerweile eine zu große Nähe zu den Eltern spürt. Junge Erwachsene berichten mir, dass sie sich von ihren Eltern regelrecht kontrolliert fühlen. So hat es ja auch der junge Beckham formuliert. Er übernehme jetzt das erste Mal in seinem Leben Verantwortung für sich selbst. Das ist typisch für diese Generation. Die jungen Leute sagen: Meine Eltern engen mich ein. Die wollen alles wissen, die kümmern sich um alles. Die tun auch ungefragt Dinge, putzen mein Auto oder organisieren Reiseunterlagen für mich. Die Eltern wollen sozusagen das Verhältnis zu den Kindern konservieren. Nach dem Motto: Wir sind doch eine tolle Familie, wir sind uns doch so nah, und das soll auch so bleiben. Es findet keine gesunde Ablösung statt.
Würden Sie sagen, das liegt auch daran, dass manche Eltern die moderne bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung quasi übererfüllen und sich zu wenig von ihren Kindern abgrenzen?
Dass heutzutage auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird, ist an sich ja ein riesiger Fortschritt. Dabei darf man aber eben nicht vergessen, die Kinder auch in ihrer Selbstständigkeit und ihrer Autonomie zu stärken. Es geht darum, zu sagen: Ich traue dir zu, dass du die Dinge selbst löst und dass du auch durch schwierige Phasen kommst. Die Entwicklung hin zur bindungsorientierten Pädagogik hat aber noch einen anderen Aspekt.
Welchen?
Dass die jungen Erwachsenen von heute ihre Eltern in der Rückschau an dieser „neuen“ bedürfnisorientierten Pädagogik messen. Sie haben durch Literatur und Medien ein Bild von den bestmöglichen Eltern im Kopf, die immer da sind, immer zugewandt, die einem immer Sicherheit und Orientierung geben, die einen immer respektieren. Ich kenne keine Eltern, die diesem Ideal standhalten könnten. Zumal sie selbst aus einer ganz anderen Ecke kommen, in der Regel autoritär erzogen wurden. Früher hieß es: Benimm dich, und wenn du nicht funktionierst, kriegst du eins hinter die Ohren. Das war Standard, und mit diesem Hintergrund geht man dann in die eigene Elternschaft. Der Verstand sagt einem: Kinder zu schlagen geht gar nicht. Und trotzdem rutscht manchen im Stress irgendwann mal die Hand aus. Diese Diskrepanz wirft Probleme auf und verursacht Schuldgefühle.
Sie haben das Thema Medien angesprochen. Welchen Einfluss hat Social Media auf die Anforderungen, die junge Leute heute an ihre Eltern stellen?
Einen großen. Junge Leute haben heutzutage einen viel größeren Zugang zu psychologischen Inhalten, sind über die Plattformen ständig im Austausch und dadurch auch sensibilisiert, was an sich ja eine gute Entwicklung ist. Aber das Pendel schlägt bisweilen zu stark in eine schwierige Richtung aus. Da wird sich in Chatgruppen über die schlimmen Eltern ausgetauscht. Mal ist die Beziehung zum Vater toxisch, mal die Mutter eine Narzisstin. Damit wird Menschen ein Stempel aufgedrückt, den sie so schnell gar nicht mehr losbekommen. Ich will damit nicht schönreden, dass es in Familien furchtbares Verhalten gibt. Die Lösung kann doch aber nicht sein, Pseudodiagnosen auszusprechen, sondern zu fragen: Woher kommt das und wie können wir damit umgehen? Wir brauchen einen freundlicheren und menschlicheren Blick aufeinander.
Welche Auslöser gibt es für einen Kontaktabbruch?
Ein Kontaktabbruch passiert oft dann, wenn die Menschen ins Erwachsenenleben starten, anfangen zu arbeiten, vielleicht eine feste Partnerschaft eingehen, sich ihren eigenen Kreis aufbauen. Sie erleben erstmals andere und für sie gute Beziehungen, tauschen sich mit anderen aus, erleben, dass es stimmigere Beziehungen gibt als in den eigenen Familien. Und fragen sich dann: Warum war das eigentlich mit meinen Eltern nicht so? Wieso ist Kommunikation in meinem Elternhaus so schwierig? Das passiert oft in den 20ern, kann aber auch später vorkommen. Ich kenne auch Menschen jenseits der 50 oder 60, die den Kontakt zu ihren wirklich alten Eltern abgebrochen haben, weil sie es nicht mehr aushalten.
Wie reagieren die verlassenen Eltern?
Da ist die Scham groß. Eine heile Familie zu haben, ist ja ein gesellschaftliches Ideal. Schaffen sie es nicht, dieses Ideal zu erfüllen, fühlen sich die Eltern, als hätten sie versagt. Viele fallen in ein Loch, manche werden depressiv.
Viele Eltern schildern auch, vom Kontaktabbruch überrumpelt worden zu sein. Wie kann das sein?
Die Eltern verdrängen. Das tun wir alle, immer wieder, das ist das Problem. Sie spüren natürlich, dass das Verhältnis zum Kind belastet ist, dass es da eine Fremdheit gibt. Aber sie schieben das beiseite, aus Angst, nicht damit umgehen zu können. Die Erkenntnis, zum eigenen Kind keine gute Beziehung zu haben, ist ja unfassbar schmerzhaft.
Gibt es Warnsignale für einen drohenden Kontaktabbruch?
Ja. Wenn mein Kind mir sagt: Jetzt hör mir doch mal zu! Oder: Weißt du eigentlich, was mich wirklich beschäftigt? Oder hast du das und das mitgekriegt? Oder wenn das Kind nicht mehr so oft anruft, mich nicht mehr so oft besucht, dann sollte man nachfragen: Was ist los? Lass uns mal offen reden! Das erfordert viel Mut von den Eltern. Und wenn die Kinder sich dann öffnen und die Dinge auf den Tisch kommen, dass man zum Beispiel nie da war, sondern immer nur arbeiten war, oder nicht mitgekriegt hat, dass das Kind in der Schule gemobbt wurde, dann darf man das nicht bagatellisieren oder kommentieren mit: Aber ich liebe dich doch und wir hatten es doch so schön! Weißt du noch, in diesem Urlaub damals... und so weiter. Das Aber treibt die Kinder weg.
Was sollte man stattdessen tun?
Zuhören, nachfragen und den Schmerz aushalten, auch wenn Tränen fließen. Man muss anerkennen, dass jeder in der Familie seine eigene Wahrnehmung hat.
Wie können Eltern mit aufkommenden Schuldgefühlen umgehen?
Ich sage den Betroffenen: Es geht nicht um Schuld, es geht um Unvermögen. Wenn Sie es besser gekonnt hätten, dann hätten Sie es besser gemacht. Um einen Kontaktabbruch zu verstehen, müssen wir uns das ganze Familienbild anschauen. Ich frage immer, wie sie selbst ihr Elternhaus erlebt haben, und da sagen mir 90 Prozent, dass das auch nicht gut war. Das ist also ein transgenerationales Thema. Nur wenn wir das verstehen, können wir uns aufmachen, alte Muster zu durchbrechen. Ein Kontaktabbruch kann auch eine Chance sein. Ich hatte erst kürzlich ein tolles Gespräch mit Eltern, die durch den Konflikt angefangen haben, zu reflektieren, wie sie eigentlich aufgewachsen sind, was sie als Kinder erleben mussten und welche Auswirkungen das für sie in ihrem Elternsein hat.
Wenn der Kontaktabbruch passiert ist, wie sollten sich Mütter und Väter dann verhalten?
Ihn respektieren. Der junge Mann oder die junge Frau muss sich dann erstmal selbst im eigenen Leben zurechtfinden. Melden sich die Eltern dann trotzdem ständig, wird das als Grenzüberschreitung wahrgenommen. Ich empfehle, schreiben Sie einmal, zum Geburtstag oder zu Weihnachten: Wenn du mich brauchst, wenn du reden magst – ich bin da. Einfach, weil du mir wichtig bist und ich dich liebe. Punkt. Nicht mehr. Ich denke, es ist wichtiger, dass die Eltern dann wirklich bei sich schauen: Wie bin ich hierhergekommen? Was habe ich vielleicht übersehen? Was hat mein Kind eigentlich gesagt? Und dass sie in sich reinhorchen: Habe ich einen Mangel, eine Sehnsucht aus meiner Vergangenheit mit in mein Leben gebracht? Welchen Einfluss hatte das darauf, wie ich als Mutter oder Vater war, und sollte mein Kind da etwas ausgleichen, mir etwas geben, was ich immer vermisst habe?
Den Kontaktabbruch gibt es auch umgekehrt. Wie häufig erleben Sie das?
Selten. Solche Eltern gehen in der Regel nicht zu einer Therapeutin, sondern haben die Haltung, dass sie Recht haben und dass sich das Kind eben falsch verhält oder nicht so funktioniert, wie es sollte. Manchmal geht es auch um Geld oder Erbschaftsgeschichten. Wobei das auch nur ein Symptom ist. Eigentlich geht es immer darum, dass die Liebe sich nicht ausdrücken kann.
Raten Sie Ihren Klienten manchmal zu einem Kontaktabbruch?
Manchmal ja. Wenn ich sehe, dass der Konflikt mit den Eltern unheimlich viel Kraft und Energie kostet. Wenn die jungen Frauen oder Männer ständig damit beschäftigt sind und es dauernd neue Aufreger gibt. Dann rate ich dazu, sich erstmal zurückzuziehen und sich zu stabilisieren. Zu schauen, wo sind funktionierende Beziehungen, welche Menschen tun einem gut? Wenn es einem dann besser geht, dann kann man auf die Situation auch nochmal einen neuen Blick werfen und sich fragen, warum die Eltern eigentlich so sind wie sie sind. Das kann ein erster Schritt der Annäherung sein.
Die Studie, die Sie eingangs zitiert haben, bildet ja auch genau das ab. Innerhalb von zehn Jahren gab es bei 63 Prozent der Teilnehmenden eine Wiederannährung zur Mutter und bei 44 Prozent zum Vater.
Ich erlebe häufig, dass Mütter oder Väter sich fast davor fürchten, dass der Sohn oder die Tochter sich wieder meldet. Sie fragen mich: Was soll ich denn dann sagen? Und wenn der Anruf kommt, dann geht es ganz leicht. Weil sich beide Seiten verändert haben, sich Gedanken gemacht haben und die Sicht des anderen nun anerkennen können.
Wenn Sie jetzt mit jungen Eltern zusammensitzen, die fürchten, Beziehungsmuster aus ihrer Familiengeschichte könnten sich wiederholen, was raten Sie ihnen?
Bei Elternschaft geht es vor allem darum, authentisch zu sein. Man darf Fehler machen und wird sie auch machen. Wichtig ist, dass die Kinder spüren, dass sie geliebt werden, dass sie sicher sind und dass ihre Eltern sie so annehmen, wie sie sind. Und wenn es mal nicht so läuft, dass Eltern das sehen und auch benennen. Wenn das erfüllt ist, wird daraus eine tragfähige Beziehung.
Hinweis: Dieses Interview ist zuerst in der „Südwest Presse“ erschienen.
Familientherapeutin in Essen
Claudia Haarmann (74)
war lange als Journalistin tätig. Heute arbeitet sie als Heilpraktikerin für Psychotherapie und beschäftigt sich seit fast 20 Jahren schwerpunktmäßig mit Bindungs- und Beziehungsdynamiken in Familien und deren Auswirkungen aufs Erwachsenenalter. Haarmann hat mehrere Bücher geschrieben, darunter „Kontaktabbruch in Familien“ (2019) und „Der Schmerz verlassener Eltern“ (2024). Die Familientherapeutin ist Mutter eines Sohnes und lebt in Essen.