Viele Beziehungen scheitern auch daran, dass Paare nicht richtig kommunizieren und Konflikte immer wieder eskalieren. Was können Paare besser machen?
Jedes Paar hat Meinungsverschiedenheiten. Eine langjährige Beziehung ohne Streit und Diskussionen ist kaum möglich. Es treffen eben zwei Individuen aufeinander, die unterschiedliche Bedürfnisse und Lebenseinstellungen haben. Doch bei manchen Paaren eskalieren Streite häufig extrem. Oft sind dann die Fronten derart verhärtet, dass eine Versöhnung nicht so einfach möglich ist. Wenn einer angefangen hat, mit Geschirr zu werfen oder den anderen wüst beschimpft, dann ist der Weg zurück zu einer gemeinsamen Verständigung weit.
Am meisten streiten deutsche Paare laut einer Umfrage des Portals Statista übrigens über schlechte Angewohnheiten des Partners und unterschiedliche Auffassungen von Ordnung und Sauberkeit, gefolgt von Geldfragen, der Aufteilung der Hausarbeit und den Eltern beziehungsweise Schwiegereltern. Anlass für Zoff sind gelegentlich auch persönliche Freiräume, Kindererziehung und Kommentare beim Autofahren.
Aber warum eskalieren Meinungsverschiedenheiten? „Diskussionen arten aus, wenn wir den Kontakt zueinander verpassen“, sagt die Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen (26) aus Bonn. Es habe nichts damit zu tun, dass Paare unterschiedliche Meinungen und Bedürfnisse haben, da finde man immer einen Weg. Der Punkt, an dem ein Gespräch kippe, sei oft, wenn einer sich nicht mehr verstanden oder angegriffen fühlt. „Dann geht es in einen Streit rein“, sagt sie. Ab dann könnten Paare ein Gespräch nicht mehr kontrollieren.
Wer einmal etwas Schlechtes sagt, sollte fünfmal etwas Gutes sagen
Nun sind Streite in Beziehungen nichts Verkehrtes. Der berühmte Psychologe und Paarforscher John Gottman von der Universität Washington sagte, dass bei Paaren, die eine stabile und zufriedene Beziehung führen, das Verhältnis von positivem zu negativem Verhalten 5:1 sein muss. Dies ist die sogenannte Gottman-Konstante. Das heißt, wenn Paare irgendwann nur noch streiten, steht die Beziehung auf dem Spiel.
Konflikten ganz aus dem Weg zu gehen sei aber keine zufriedenstellende Option. Psychologen der Universität Wollongong in Australien kamen in einer Langzeitstudie zu Beziehungskonflikten zu dem Ergebnis, dass beide Partner auf Dauer weniger zufrieden waren mit ihrer Beziehung, wenn die Frauen Konflikten aus dem Weg gingen und Ärger herunterschluckten.
Die Kontrolle von Konflikten lässt sich erlernen
Wie können Paare also Meinungsverschiedenheiten austragen, ohne dass am Ende das halbe Inventar zerstört ist oder einer von beiden vorübergehend ins Gartenhäuschen zieht? „Es lässt sich schon lernen, ein Gespräch besser zu kontrollieren“, sagt Anouk Algermissen. Hilfreich sei, sich auch selber immer wieder mit den eigenen Themen auseinanderzusetzen und auch in Streiten innezuhalten und sich zu fragen: „Was greift mich da jetzt grade so an?“ Oder auch: „Was bringt mich generell auf die Palme?“
Damit Streite nicht eskalieren, müsse man also erst einmal selbst in der Lage sein, ein offenes Gespräch auf Augenhöhe zu führen. So bedeute eine Eskalation nicht zwingend, dass einer von beiden laut wird, sondern auch wenn einer sich komplett zurückziehe, sich in Schwiegen hülle und den anderen mit Missachtung strafe.
Hinter dem Zoff im Alltag steckt oft eine tiefere Verletzung
Denn hinter Alltagsstreitigkeiten verbergen sich oft unsere eigenen wunden Punkte. Fühle ich mich schnell ungeliebt und nicht beachtet? Dann kann auch ein Gespräch darüber, dass der Partner schon wieder die Milch nicht mitgebracht hat, obwohl man ihn dreimal darum gebeten hat, als Missachtung interpretiert werden. „Aber das muss ich erst einmal identifizieren können“, sagt Anouk Algermissen. „Denn da kommen die eigentlichen Emotionen her.“
Paare neigen auch immer wieder in Konflikten dazu, sich eher als Gegner, denn als Team zu sehen. „Wenn ein Teil das Problem nicht mehr gemeinsam lösen möchte, sondern dass Ausgangsthema nutzt, um den anderen zu verletzen, dann geht es eher um Macht“, sagt sie. „Und dann wird es hässlich.“
Die apokalyptischen Reiter
Verletzende, persönliche Konflikte gehören laut John Gottman zu den vier apokalyptischen Reitern, also Beziehungskillern, die eine Partnerschaft auf Dauer zum Kippen bringen. Nun ist es fast schon eine natürliche Reaktion, wenn jemand angegriffen wird, dass er sich dann verteidigt. Das wäre der zweite apokalyptische Reiter. Ab dem Moment ist das Eskalationspotenzial hoch, denn der Angreifer fühlt sich nun übergangen und schießt häufig erneut zurück. Laut Gottman bestünde in dem Moment aber immer noch die Möglichkeit, dies zu stoppen, indem man das Bedürfnis des Angreifers erkennt und einfühlsam auf den anderen eingeht.
Aber wer macht das schon, wenn er erst einmal in Rage ist? Bei Paare, denen es nicht gelingt, in Streiten rechtzeitig zurückzurudern, galoppiert der dritte Reiter, genannt Verachtung, heran. Der andere wird nur noch abfällig und herablassend behandelt. Gottman nennt die Verachtung die „Schwefelsäure der Liebe“. Wenn einer von beiden an diesem Punkt sich dann nicht trennt, kommt der vierte Reiter ins Spiel: das Mauern. Ein Part zieht sich schlicht aus der Partnerschaft innerlich zurück und lässt Gleichgültigkeit walten.
Aber wie lässt sich das verhindern? Psychologen der Universität Knoxville in den USA haben in der Studie „What are the Marital Problems of Happy Couples?“ herausgefunden, dass kluge Paare ihre Konflikte mit Bedacht angehen.
Das heißt: Glückliche Paare entscheiden, welche Schlachten sich zu kämpfen lohnen und welche nicht. Es gibt in jeder Beziehung lösbare und unlösbare Konflikte – bei manchen Problemen ist es daher schlau, die Position des anderen zu akzeptieren.
Partnerschaften legen Urkonflikte frei
Probleme in Partnerschaften eskalieren laut Psychologin Anouk Algermissen auch deswegen häufiger als in Freundschaften oder Bekanntschaften, weil wir dem eigenen Partner sehr viel näherstehen. „Es ist schlimmer für uns, wenn die Partnerin uns verletzt als ein Kumpel oder sogar jemand Fremdes“, sagt sie. „Der Partner triggert uns viel leichter.“
Vor allem Partnerschaften fordern oft unsere Urkonflikte heraus, die wir in der frühen Kindheit gemacht haben. Wer sich als Kind ungeliebt gefühlt hat, neigt auch später in Paarbeziehungen dazu, sich schnell der Gefühle des Partners nicht mehr sicher zu fühlen. „Da kommen dann unsere gelernten Schutzstrategien zum Tragen“, sagt Algermissen.
Wenn ein Streit komplett eskaliert ist, findet sie es daher wichtig, schnell auch eine Art „Reparationsgespräch“ zu führen und sich zu versöhnen. Wer es aber nie schafft, ein Konfliktgespräch in Ruhe zu führen, ist unter Umständen auch nicht richtig zugänglich für die Partnerschaft.
„Es ist wichtig, dass beide ein Interesse daran haben, dass sich die Partnerschaft entwickelt“, sagt Anouk Algermissen. Nur einer alleine könne nicht die ganze Beziehungsarbeit machen. „Das wäre verdammt hart“, sagt die Psychologin. Konflikte gut lösen können also vor allem die Paare, die sich als ein Team verstehen und nicht als Gegner.