Armenier fliehen aus Bergkarabach. Foto: dpa/Gayane Yenokyan

Der Kampf zwischen Armenien und Aserbaidschan ist mehr als ein Regionalkonflikt. Russland ist entscheidend, kommentiert Christian Gottschalk. Aber auch Europa spielt eine Rolle.

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ist alles andere als neu. Das Gebiet rund um Berg-Karabach ist praktisch seit der Antike zwischen den Staaten hin und her geschubst worden. Der aktuelle Vorstoß von Aserbaidschan auf das von Armeniern bewohnte Gebiet wird nicht das Ende des Konfliktes bedeuten. Zwar hat die von niemandem anerkannte Republik ihre Selbstauflösung beschlossen. Doch der Hass der Volksgruppen aufeinander bleibt. Und neben dem menschlichen Leid, das durch den Angriff und seine Folgen zu beklagen ist, gibt es gewaltige, besorgniserregende Unterschiede zu früheren Auseinandersetzungen.

 

Im Hintergrund verschieben sich die Kräfte radikal. Bisher galt in der Region der Grundsatz, dass die Aserbaidschaner von der Türkei unterstützt werden, Armenien von Russland. Offiziell hat sich daran nichts geändert. Doch nicht zuletzt der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist verantwortlich dafür, dass Russland in diesem Teil der Welt seine Prioritäten neu ordnet. Nach den westlichen Sanktionen ist Moskau auf neue Handelswege angewiesen, eine wichtige Route führt dabei über Aserbaidschan in den Iran. Und auch die Türkei ist für den Kreml von elementarer Wichtigkeit, wenn es darum geht, die westlichen Sanktionen zu unterlaufen. Die aserbaidschanische Position hat sich fast ohne eigenes Zutun extrem verbessert, die armenische hingegen ist deutlich schwächer geworden. Das Land hat wunderschöne Seen, Berge und alte Klöster – aber keinen Zugang zum Meer und schwierige Nachbarn. Jetzt kommen zu den drei Millionen Einwohnern noch Zehntausende von Flüchtlingen aus Berg-Karabach hinzu.

Russland will in der Region bestimmen

Schon seit geraumer Zeit sucht die junge Demokratie Kontakt zum Westen, zur Europäischen Union ebenso wie zu den USA. Mit den USA sind inzwischen gemeinsame Militärübungen geplant, die sind den Herrschenden in Moskau ein Dorn im Auge. Mit der EU besteht eine Partnerschaft, die vornehmlich auf wirtschaftliche Zusammenarbeit setzt. Auch das ist im Kreml nicht gerne gesehen. Doch für Armenien sind neue Partner nahezu alternativlos, zumal der russische Rückzug nicht zu übersehen ist. Die Soldaten der dort stationierten Friedenstruppe werden im UkraineKrieg gebraucht, und sind durch Wehrpflichtige ersetzt worden.

Allerdings: Auch wenn die konkrete russische Unterstützung für Armenien schwindet, die ganze Region betrachtet Russland als seinen Hinterhof, in dem letztendlich Moskau bestimmt, was Sache ist. Und das bedeutet: Die Möglichkeit, dass sich auch dort ein Dauerkonflikt zu einem Stellvertreterkrieg auswächst, ist nicht von der Hand zu weisen.

Neue Akteure treten auf den Plan

Zumal es noch andere Akteure gibt, die zunehmend unterschiedliche Interessen bekunden. Indien ist dabei, in die Rolle des Waffenlieferanten für Armenien zu schlüpfen, die von Russland nicht mehr so ausgefüllt wird. Und das ohnehin schon immer komplizierte Verhältnis zwischen den Nachbarn Iran und Aserbaidschan wird durch den Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien nicht besser. Grund dafür ist ein Korridor, mit dem Aserbaidschan seine Exklave Nachitschewan an das Mutterland anbinden möchte – der würde unmittelbar an der iranischen Grenze verlaufen.

An dem Korridor freilich haben auch noch ganz andere ein Interesse. Er verbindet die Türkei noch besser mit den Gasfeldern Aserbaidschans. Sehr zur Freude Europas. Nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Aserbaidschans Machthaber Ilham Alijew vereinbart, die Gaslieferungen aus Aserbaidschan zu verdoppeln. Aserbaidschans Angriff auf Berg-Karabach war da schon in Vorbereitung.