Der Verein Häusliche Kinderkrankenpflege Stuttgart schließt. Die Malteser wollen Ersatzlösungen schaffen. Aber auch sie stehen unter Druck – wie alle Träger der außerklinischen Intensivpflege. Wegen der harten Haltung der AOK sehen sie die Dienste im Land in Gefahr.
33 Jahre lang hat der Verein Häusliche Kinderkrankenpflege Stuttgart hier Familien bei der Versorgung ihrer schwerst kranken und stark behinderten Kinder zuhause unterstützt. Wegen neuer, strengerer Vorgaben des Gesetzgebers und der Kassen stellt der Dienst nun Ende September seine Arbeit ein. Für die betroffenen Familien ist das eine Hiobsbotschaft.
Nun versuchen die Malteser, die von Schwäbisch Gmünd aus einen solchen Dienst betreiben, in Stuttgart ein Auffangnetz für die Familien zu schaffen. Gelungen ist das bis jetzt jedoch nur in wenigen Fällen. Und auch diese Lösungen stehen unter dem Vorbehalt, dass die Verhandlungen mit der AOK über die Finanzierung der Dienste erfolgreich sein werden. Die Vorstellungen liegen hier noch weit auseinander.
Der Stuttgarter Verein betreut nach eigenen Angaben noch elf Kinder mit elf Pflegekräften. Sechs von ihnen sowie die Pflegedienstleitung hätten sich bisher bei ihnen beworben, sagt Heiko Born, der Bezirksgeschäftsführer der Malteser in Nord- und Ostwürttemberg. „Drei haben nach Gesprächen tatsächlich gewechselt“, erzählt er. Und vier der Kinder seien zur weiteren Versorgung durch die Malteser gemeldet worden. Eine Familie habe mit ihrem Kind einen anderen Anbieter gewählt, eines habe man abgelehnt, weil es an Personalkapazitäten für Nachtdienste fehle, zwei der Kinder haben man übernommen. Born geht davon aus, dass „einige Kinder zu anderen Trägern gewechselt haben“. Aufgrund des Datenschutzes könne man aber nicht überblicken, wie viele der Kinder, die die Häuslichen Kinderkrankenpflege Stuttgart bis September noch betreut, inzwischen eine Anschlussversorgung gefunden haben.
Betroffene Familien sind stark unter Druck
Die betroffenen Eltern sind verunsichert und stark belastet. Sie sei mit ihrem Kind zu Moki Mobile Krankenpflege für Kinder mit Sitz in Freiberg am Neckar gewechselt, erklärt eine Mutter. Ob man dort aber genug Personal zur Betreuung des Kindes habe, wisse sie nicht. „Die Unsicherheit ist anstrengend“, sagt sie. Eine andere Familie, deren Kind ebenfalls noch von der Häuslichen Kinderkrankenpflege Stuttgart betreut wird, hat bei der Kasse ein sogenanntes Persönliches Budget beantragt, um die Versorgung dann selbst zu organisieren. Auch hier ist die Unsicherheit groß wegen der Sorge, keine Pflegekräfte zu finden. „Der Übergang wird holprig“, erklärt die Mutter, „wenn es überhaupt zu einem kommt“. Eine dritte Familie hat mit „fünf Minijobbern, zwei Freiberuflern und einer Teilzeitkraft im Arbeitgebermodell selbst eine Versorgung zusammengestückelt – ein auf Kante genähter Flickenteppich“, sagt die Mutter. „Es ist sehr belastend und mühsam.“
Der Bedarf an häuslicher Kinderkrankenpflege ist groß
Heiko Born und Heike Nussbaum, die Leiterin der Kinderintensivpflege des Malteser Hilfsdienstes der Diözese Rottenburg-Stuttgart, betonen: „Wir wollen unseren Dienst in Stuttgart ausbauen.“ Ziel sei, die Versorgungssituation hier und in der Region zu verbessern. Bisher sind die Malteser eher Richtung Osten aktiv gewesen, Richtung Westen in die Region Stuttgart nur bis in den Kreis Ludwigsburg. „Da wir noch weitere Anfragen von Familien mit Kinder haben, auch schon in der Vergangenheit, die im Stuttgarter Raum versorgt werden wollen, werden wir weitere Stellen ausschreiben.“ Zumal der Bedarf an häuslicher Kinderkrankenpflege in der Region schon länger über dem Angebot liege.
Die Pläne der Malteser und mit diesen die Zukunft der anderen Träger im Land hängen aber davon ab, ob es bei der Finanzierung der Dienste eine Einigung mit der AOK Baden-Württemberg gibt, die hier stellvertretend für alle Kassen verhandelt. Im Land gibt es etwa 20 Dienste in der Kinderintensivpflege. Die Gesamtzahl der Kinder, die versorgt werden, ist schwer zu ermitteln. Die Malteser, die zu den großen Diensten gehören, betreuen mit 95 Beschäftigten etwa 60 Kinder im häuslichen Umfeld.
Verhandlungen bisher „schleppend und frustrierend“
Die bisherigen Verhandlungen, die die Malteser zusammen mit zwei Diensten der Caritas mit dem Ziel einer Art von Pilotabschluss führen, seien bisher „schleppend und frustrierend“ verlaufen, sagt Heiko Born. Man habe die eigenen Kalkulationen in völliger Transparenz offengelegt, was die AOK auch anerkannt habe. Man habe diese auch nach den Wünschen der Kasse aufgebaut. Die anfängliche Zuversicht der Träger wurde dann aber enttäuscht. Das Angebot der Kasse habe schließlich noch „unter dem Satz gelegen, den wir jetzt schon bekommen“, kritisiert der Bezirksgeschäftsführer der Malteser. Die AOK wollte sich auf Anfrage „zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu einem Zwischenstand äußern, um die Vertraulichkeit der Gespräche nicht zu gefährden“.
Heike Nussbaum beschreibt die Stimmungslage der Träger als „Schockstarre“. Denn gerade die kleineren seien heute schon in einer überaus prekären Lage, es fehle an Liquidität. Dabei seien alle seit diesem Jahr zur Tariftreue verpflichtet, müssten also teils höhere Vergütungen an ihr Personal bezahlen, als sie es bisher taten und überhaupt konnten. Dazu kämen Tarifsteigerungen. Deshalb bestehe bei manchen Insolvenzgefahr.
Die AOK hat keine eigenen Kalkulationen vorgelegt
Heike Nussbaum und Heiko Born sehen inzwischen die Zukunft der außerklinischen Intensivpflege für Kinder im Land gefährdet. Dabei zeigten andere Bundesländer, dass es auch anders gehe. Er verstehe nicht, was die AOK mit ihrer Taktik bezwecke, sagt Bezirksgeschäftsführer Born. Eigene Kalkulationen habe die Kasse jedenfalls noch nicht vorgelegt. „So etwas hat es noch nie gegeben.“ In den nächsten Tagen soll weiter verhandelt werden. Die Träger haben darauf gedrungen, dass man die betroffenen Familien nicht weiter in der Luft hängen lässt.