Die Inselrepublik Zypern soll ans Stromnetz der Europäischen Union angekoppelt werden. Doch das schlägt in der Türkei Funken.
Als einziger EU-Staat ist Zypern bisher nicht mit dem europäischen Stromnetz verbunden. Jetzt gibt es Pläne für ein Stromkabel, das von Griechenland durch das Mittelmeer nach Zypern und von dort weiter nach Israel führen soll. Aber die Türkei legt sich quer. Der Streit könnte noch im April zu einer Konfrontation der beiden verfeindeten Nachbarn Griechenland und Türkei führen.
Über eine Strecke von 1208 Kilometern soll das geplante Kabel von der griechischen Insel Kreta über Zypern bis nach Israel verlaufen. Die Leitung wird auf eine Übertragungsleistung von maximal zwei Gigawatt ausgelegt sein. Das würde für die Versorgung von drei Millionen Haushalten reichen.
Kabel in 3000 Metern Tiefe
Mit dem Kabel würde Zypern ans europäische Netz angeschlossen. Auch Israel, das bisher mit keinem anderen Land vernetzt ist, bekäme mehr Versorgungssicherheit. Die EU fördert das Vorhaben als „Projekt von gemeinschaftlichem Interesse“ mit einem Zuschuss von 657,9 Millionen Euro. Das entspricht rund einem Drittel der geschätzten Investitionssumme von 1,9 Milliarden Euro.
Das Projekt namens Great Sea Interconnector ist technisch anspruchsvoll. Es wäre eines der längsten Unterwasser-Stromkabel der Welt. Eine besondere Schwierigkeit liegt in den Wassertiefen. Das Kabel verläuft teils 3000 Meter unter dem Meeresspiegel.
Türkisches Reservat im Mittelmeer?
Aber das Vorhaben ist nicht nur eine technische Herausforderung. Es birgt politischen Zündstoff. Die Türkei besteht darauf, dass die Leitung nur mit ihrer Genehmigung verlegt werden darf, weil sie angeblich durch die türkische Wirtschaftszone verläuft. Die Regierung in Ankara stützt ihre Ansprüche auf ein umstrittenes Abkommen, das sie im November 2019 mit der Übergangsregierung Libyens geschlossen hatte. Danach beanspruchen die beiden Länder einen etwa 200 Kilometer breiten Meereskorridor, der von der libyschen zur türkischen Küste führt, als eigene Wirtschaftszonen – ungeachtet der dort gelegenen griechischen Inseln Kreta, Kassos, Karpathos und Rhodos.
Griechenland betrachtet das Abkommen als „null und nichtig“. Auch die EU hält es für ungültig, weil es die Souveränitätsrechte dritter Staaten verletze. Als im Juli 2024 das Forschungsschiff „Ievoli Relume“ südlich der Insel Kassos Vermessungsarbeiten für die Kabeltrasse durchführen wollte, kreuzte die türkische Marine mit fünf Kriegsschiffen auf. Anfang Februar kam es bei Kreta zu einem ähnlichen Zwischenfall.
„Durch das Völkerrecht gedeckt“
Die Situation erinnert an eine Konfrontation 2020. Damals ließ die Türkei im Streit um die Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer ihre Kriegsflotte gegen griechische Schiffe auffahren. Die Krise konnte unter Vermittlung der damaligen Bundesregierung entschärft werden. Einen neuen Showdown könnte es gegen Ende April geben. Dann will Griechenland die Vermessungsarbeiten fortführen. Außenminister Giorgos Gerapetritis pocht darauf, dass solche Projekte „durch das Völkerrecht gedeckt“ seien, man brauche dafür keine Genehmigung der Türkei.
Kommt es zu einer Konfrontation, stehen die Griechen nicht allein. Auch Frankreich ist involviert, denn die französische Firma Nexans soll das Kabel verlegen. Am Freitag ging der Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ bei Piräus vor Anker. Er soll in den nächsten Tagen mit einem Flottenverband Manöver in dem umstrittenen Seegebiet veranstalten. Aus der griechischen Regierung heißt es, Frankreich wolle die Verlegung des Kabels „mit einer diskreten Militärpräsenz begleiten“.