Guido Burger drückt das Knöpfchen – seit Neuestem funkt unter dem Korb des Stuttgarter Fernsehturms eine Antenne für das Internet of Things. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Über das Internet der Dinge wird seit Jahren gesprochen. Eine Konferenz in Stuttgart stellt konkrete Anwendungen vor – und weiht eine neue Antenne auf dem Fernsehturm ein.

Stuttgart - Die Bahnhofsuhr wird digital. Man wird es ihr von außen nicht ansehen, aber kommendes Jahr gibt die Deutsche Bahn die intelligenten Zeitanzeiger in Serienfertigung. Wie intelligent die Uhren sein werden, beschreibt die Bahn-Mitarbeiterin Olga Willner auf dem Stuttgarter Fernsehturm: Sie sehen mithilfe eingebauter Sensoren, wie hell oder dunkel es um sie herum ist, sie erkennen Vandalismus und können die Anzahl der Personen in ihrer Nähe zählen – und zeigen nicht zuletzt stets die richtige Uhrzeit an. Das alles ist möglich, weil die Uhren digital vernetzt sind und nicht nur aus der Ferne angesteuert werden, sondern auch Daten an die Zentrale funken können.Olga Willner ist die einzige Frau unter den knapp zehn Sprechern und eine der wenigen weiblichen Besucher bei der Fachkonferenz „Make IT Now“ auf dem Fernsehturm. Alle Vorträge und Workshops drehen sich um das Internet der Dinge (oder IoT wie Internet of Things) und dessen Einsatzmöglichkeiten. Dabei geht es stets darum, Geräte oder Sensoren im großen Stil miteinander zu vernetzen – etwa um Geräte fernsteuern zu können oder sich mithilfe von live übermittelten Messdaten ein Bild von der Lage zu machen.

Vorreiter der Smart-City-Bewegung

Internet der Dinge heißt, dass die digitale und die reale Welt zusammenkommen: So beschreibt es der Organisator der Konferenz, Guido Burger. Dessen Arbeitgeber stellt ihn immer wieder frei, um in Schulprojekten oder mit der Stuttgarter Gruppe „The Things Network“ IoT-Anwendungen zu ersinnen. Burger ist Teil der Maker-Bewegung, die begeistert mit neuen Technologien experimentiert und im Falle von IoT nicht nur Programmiercodes schreibt, sondern auch Platinen lötet, Sensoren verdrahtet und die Geräte bei Bedarf witterungsfest macht. In Baden-Württemberg gibt es ähnliche Gruppen unter anderem auch in Freiburg, Ulm und Karlsruhe.

Maker arbeiten in der Regel ohne Profitziel, sondern sind einfach von der Technik begeistert. Zugleich sind sie die Pioniere einer Bewegung, der sich unter dem Stichwort „Smart City“ längst auch die Industrie angeschlossen hat: Vernetzte Lösungen an Kommunen zu verkaufen ist ein potenziell lukratives Geschäftsfeld. Längst dienen sich Unternehmen wie Unitymedia den Kommunen an, um für sie eine Funk-Infrastruktur aufzubauen, über die Geräte und Sensoren gesteuert werden können. Die dafür nötigen Sensoren kommen aus China – oder von der 2004 gegründeten Bosch-Tochterfirma Sensortec.

Vorreiterkommune Herrenberg

Nicht nur die Maker erkunden die Möglichkeiten der neuen Technik. Auch die Stadt Herrenberg geht voran. Die Kommune hat im Frühjahr selbst zwei Antennen in Betrieb genommen. Diese spannen ein sogenanntes Lorawan über die Stadt, das heißt Long Range Wide Area Network und ist eine Art großräumiges WLAN-Netz für kleine Datenmengen. Über das Lorawan zapft die Herrenberger Stadtverwaltung Sensoren an, die permanent die aktuelle Parkplatzauslastung an der Stadthalle mitteilen. Diesen Winter sollen Sensoren erstmals automatisch ermitteln, ob die Straßenräumung ausrücken muss. Und bis zum nächsten Sommer werden alle Mülleimer der Stadt mit Sensoren ausgerüstet, die melden, sobald ein Behälter voll ist. Genau dann werden sie geleert – und nicht wie bisher im starren 14-Tage-Rhyhtmus.

Stefan Kraus vom Amt für Technik, der das Projekt leitet, hat noch viele weitere Ideen. Sie alle sind für die Verwaltung schlicht deshalb sinnvoll, weil sich die Arbeit so effizienter erledigen lässt. Zumal die Kosten für eine Gemeinde dieser Größe im niedrigen fünfstelligen Bereich liegen. „Es war uns wichtig, dieses Thema zu besetzen, bevor eine Telekom oder eine Unitymedia damit ums Eck kommt“, sagt Kraus unter dem Beifall zahlreicher Konferenzteilnehmer. Gerade mit Ersparnissen bei der Verwaltungsarbeit wirbt die Industrie bei Kommunen aktuell um Aufträge.

Neue IoT-Antenne auf dem Fernsehturm

Für die örtliche IoT-Szene war die Einweihung einer eigenen Antenne auf dem Fernsehturm der Höhepunkt des Tages. Guido Burger hat die Antenne auf eigene Kosten installiert; sie hängt gewissermaßen aus dem Korb des Turms heraus. Wegen der exponierten Lage deckt sie beinahe das gesamte Stuttgarter Stadtgebiet ab – und einen Teil der Region Stuttgart; sogar vom Herrenberger Schönbuchturm aus konnte bei Tests eine Verbindung hergestellt werden. Mehrere Tausend Geräte oder Sensoren können fortan per Funkverbindung angesprochen werden oder aber ihre Messdaten an eine Datenbank senden; jeder, der die Technik beherrscht, kann das Netz nutzen. „Jetzt hängt es an der Community zu zeigen, was damit geht“, sagte Burger. Mit dem SWR, der den Fernsehturm betreibt, sei für den Anfang eine experimentelle Nutzung vereinbart, so der 50-Jährige.

Für die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, die das Event im Fernsehturm mit organisiert und unterstützt hat, sind das Internet der Dinge und „smart cities“ Geschäftsmodelle einer unmittelbar bevorstehenden Zukunft. Dazu kommt eine umtriebige Gemeinschaft von Technik-Enthusiasten, die permanent neue Einsatzfelder testet und damit Pionierarbeit leistet.

Selbst die Deutsche Bahn ist Teil dieser Entwicklung: Als Nächstes, berichtete Olga Willner, sollen die Beleuchtung der LED-Lampen im Bahnhof per Fernsteuerung möglich werden und im anstehenden Winter werden testweise erstmals Sensoren ermitteln, ob Schnee auf den Schienen liegt. Auf die Frage nach dem Geschäftsmodell antwortet Willner: „Wir können unsere Aufgaben einfach günstiger erledigen.“ Und deshalb werden künftig nicht nur die Bahnhofsuhren digital.

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