Wie vor 61 Jahren tagen die Delegierten der Naturfreunde Württemberg am Wochenende wieder in der Göppinger Stadthalle – dieses Mal sicher mit mehr Frauen. Foto: Naturfreunde GP

Nach 61 Jahren halten die Naturfreunde Württemberg am Wochenende ihre Landeskonferenz erstmals wieder erstmals in Göppingen ab. Die Themen von damals sind dabei nach wie vor aktuell.

Göppingen - Sind ökologische Kleinode bedroht, ist der Frieden in Gefahr oder rumort es in der Gesellschaft, treten auch die Naturfreunde Württemberg auf den Plan. Bei einer Landeskonferenz heißt es dann schon mal: „Kampf dem Atomtod“ oder „Für den Erhalt der Wutachschlucht“. Diese Forderungen gab es vor 61 Jahren, als die Versammlung letztmals in Göppingen stattgefunden hat. „Angesichts dessen, was sich auf unserem Planeten gerade abspielt, sind solche Themen aber nach wie vor aktuell“, sagt Manfred Keierleber.

Der 87-Jährige, der im Göppinger Stadtbezirk Manzen lebt, weiß, wovon er spricht. Seit 1947 ist er bei den Naturfreunden, war in der Ortsgruppe erst bei der Jugend und später bei den Bergsteigern aktiv. 1958 bei der Landeskonferenz fungierte er als Pressesprecher, und auch an diesem Sonntag wird er die Stadthalle aufsuchen. „Nicht als Delegierter, sondern als Gast. In meinem Alter muss ich da nicht mehr arbeiten“, sagt er und lächelt verschmitzt.

Manfred Keierleber: Die Arbeit hat sich verändert, die Themen sind geblieben.

In der Tat hat Keierleber für den Verein, der 1895 gegründet wurde, um das bis dahin als Privileg von bürgerlichen Kreisen geltende Wandern auch der Arbeiterschaft zu ermöglichen, genügend getan. 20 Jahre lang war er Vorsitzender der immer noch mehr als 200 Mitglieder starken, 1911 gegründeten Ortsgruppe Göppingen, und bis heute leitet er die Seniorengruppe. Auch das Boßlerhaus bei Gruibingen, das die Naturfreunde ehrenamtlich umtreiben, besucht er regelmäßig.

„Und wenngleich sich unsere Arbeit verändert hat, die Themen sind geblieben“, betont Keierleber. Sich in der Natur zu bewegen, sich gesellschaftlich einzumischen, die Naturfreundehäuser zu bewirtschaften, den Umweltschutz voranzutreiben, all dies sei wichtiger denn je, ergänzt er. Noch schafft es die Göppinger Ortsgruppe, diese Felder zu beackern: mit Wanderungen und Ausflügen, mit Angeboten für Kinder wie den Umweltdetektiven und dem Naturferiendorf, mit Pflegepatenschaften für den Ramsbach bei Holzheim und eine Wacholderheide sowie mit den Hüttendiensten auf dem Boßler.

„Aber es ist anders geworden“, stellt Keierleber fest. Früher habe man eine stärkere Bindung an den Verein gehabt, habe auf Veranstaltungen hingefiebert. „Heute sind die Leute abgelenkt, haben viele Möglichkeiten und sehen sich eher als Konsumenten denn als Mitglieder“, ergänzt er. Zudem habe sich, wie bei vielen Vereinen, die Altersstruktur verändert. „Früher ging es von jung bis alt. Jetzt fehlt uns vor allem die Mitte“, sagt er.

Die Naturfreunde wollen Strukturen erhalten, aber reformieren

Beim Landesverband Württemberg ist das ähnlich, was auch die Zahlen der bevorstehenden Konferenz zeigen. Sind 1958 noch 200 Delegierte aus mehr als 100 Ortsgruppen nach Göppingen gekommen, so werden dieses Mal etwa 130 Gäste aus 89 Ortsgruppen erwartet. Lag die Mitgliederzahl in Württemberg vor 61 Jahren bei 13 000, so sind es heuer noch knapp 10 000. Mit verschiedenen Maßnahmen soll der Schwund zumindest gebremst werden. Mit einem Projekt namens „Stärkenberatung“ sollen Strukturen erhalten, aber gleichzeitig reformiert werden.

„Unser unablässiger Kampf für mehr Gerechtigkeit ist ja längst nicht zu Ende. Und obwohl die Rahmenbedingungen schwieriger sind, ist es zu schaffen“, gibt sich Andreas Linsmeier, der Vorsitzende des Landesverbands Württemberg, optimistisch. Es gebe Ortsgruppen, die zulegten, in Ulm etwa, im Schurwald oder auch in Holzgerlingen (Kreis Böblingen). „Wenn die Netzwerke stimmen und sich die Gruppen öffnen, ist es zu schaffen, dass die Leute wieder zu uns kommen“, ist Linsmeier zuversichtlich.

Schwäbisches Kabarett mit Werner Koczwara

Mehr Zukunft wagen – ökologisch – solidarisch – international“, so lautet das Motto der Landeskonferenz der Naturfreunde Württemberg, die an diesem Samstag um 10 Uhr in der Göppinger Stadthalle beginnt. Zu dem Thema wird Gökay Sofuoğlu, Naturfreunde-Mitglied sowie Bundes- und Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sprechen. Nach der anschließenden Diskussion soll eine Resolution gegen Populismus und Rassismus verabschiedet werden. Weitere Anträge gibt es zu den Themen Verkehr, Gesundheit, sauberes Wasser und Plastikmüll. Am Sonntag steht dann noch der parlamentarische Teil der Konferenz auf dem Programm.

Das Kulturprogramm am Samstag findet in der Chapel im Göppinger Stauferpark statt. Zur Konferenz der Naturfreunde ist schwäbisches Kabarett angesagt. Von 20 Uhr an serviert Werner Koczwara sein Programm „Für eine Handvoll Trollinger“. Es gibt noch Restkarten an der Abendkasse.

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