Wer bei den Kompressionsstrumpf-Herstellern auf die Homepage schaut, merkt: Mit Omas Stützstrumpf haben diese Modelle wenig zu tun. Foto: www.medi.de

Kompressionsstrümpfe trägt keiner gerne freiwillig: Sie werden vom Arzt bei Venenleiden, Problemen mit Thrombosen, Krampfadern oder der Lymphe verschrieben. Doch der einstige Gummistrumpf hat sich längst zum Hightech-Beinkleid entwickelt. Wir erklären, warum der Kompressionsstrumpf besser ist als sein Ruf.

Stuttgart - Wer beim Arzt die Verordnung erhält, künftig Kompressionsstrümpfe zu tragen, denkt erst einmal an schwere Gummistrümpfe, die weder atmungsaktiv noch in irgendeiner Form attraktiv sind. Ein Irrtum, wie Experten bestätigen: Denn auch die Hersteller dieser medizinischen Hilfsmittel haben mitgedacht und bringen Modelle sowohl für den Mann als auch die Frau heraus, die durchaus ansehlich und gut zu tragen sind.

Sind Stützstrümpfe typisch Frau?

In der Werbung sind sie oft zu sehen: Die Frauen in den besten Jahren, die so gern aktiv wären – wenn sie keine schweren Beine hätten. Venenerkrankungen, Krampfadern und Lymphödeme scheinen typisch weiblich zu sein. Doch der Venenspezialist Markus Stücker, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie, kennt die Statistik: „Jede fünfte Frau und jeder sechste Mann hat ein Venenleiden.“ Aber: Frauen leiden stärker unter den Symptomen. Das liegt an den anatomischen Unterschieden: „Beim Mann ist die Verknüpfung des Bindegewebes mit dem Unterhautfettgewebe straffer und fester“, sagt Stücker. Bei Frauen dagegen können sich eher Schwellungen ausbilden, die dieses typische Schweregefühl verursachen. Andere Erkrankungen, die mit Kompressionsstrümpfen therapiert werden, betreffen nur Frauen – etwa das Lipödem, eine Fettverteilungsstörung.

Gibt’s die auch in modern?

Mit Swarovski-Steinen besetzt, in Netzoptik oder leicht glänzend – wer bei den Kompressionsstrumpf-Herstellern wie Medi oder Bauerfeind auf die Homepage schaut, merkt schnell: Mit Omas Stützstrumpf haben diese Modelle wenig zu tun. Und auch der Experte Markus Stücker, leitender Arzt im Venenzentrum am katholischen Klinikum Bochum, bestätigt: „Man sieht den Strümpfen nicht mehr an, dass sie eigentlich medizinische Hilfsmittel sind.“ Zwar verkaufen Hersteller wie das Unternehmen Medi mit Sitz in Bayreuth vor allem Strümpfe in Sand- und Bronze-Tönen – „doch das liegt daran, dass viele Menschen solche Strümpfe täglich tragen müssen“, heißt es seitens des Unternehmens. Und hautfarbene Modelle passen eben gut zu Kleidern und Röcken.

Darf’s auch ein Stützstrumpf sein?

Wenn die Ferienzeit naht, finden sich selbst bei den Discountern sogenannte Reisestrümpfe, die Urlauber während des Fluges vor Blutgerinnseln in den Beinvenen, sogenannten Thrombosen, schützen sollen. Doch Experten wie der Mediziner Markus Stücker und der Sanitätsfachhändler Klaus Kreutzer warnen vor dem Kauf: „Strümpfe vom Discounter können nicht mit medizinischen Kompressionsstrümpfen verglichen werden“, sagt Kreutzer. Letztere müssten einen definierten Druckverlauf aufweisen. Stützstrümpfe die bei Aldi oder Tchibo angeboten werden, seien dagegen anders beschaffen und könnten keine medizinische Wirksamkeit garantieren. Auch Markus Stücker bestätigt: „Selbst für Flugreisen ist die Druckstärke solcher Strümpfe zu gering.“ Besser ist es, im medizinischen Fachhandel nach Thrombose-Strümpfen zu fragen.

Zahlt die Kasse?

Normalerweise tragen die Krankenkasse zwei Versorgungen pro Jahr – wenn es nicht aufgrund starker Veränderungen des Beinumfangs oder des Krankheitsbilds zu außerplanmäßigen Neuverordnungen kommt, wie Klaus Kreutzer vom Bundesverband Sanitätsfachhandel erklärt. Viele Patienten lassen sich bei der ersten Verordnung zwei Strümpfe verschreiben. „Wenn man bedenkt, dass eine konsequente Therapie das tägliche Tragen der Strümpfe voraussetzt, ist das das absolute Minimum, so dass ein Paar Strümpfe getragen werden kann, während das andere gewaschen wird.“

Ist da noch Gummi drin?

Auch wenn im Volksmund die Bezeichnung „Gummistrumpf“ noch geläufig ist, so ist in den Strümpfen kaum noch echtes Gummi zu finden. Hersteller setzen längst auf elastische Fasern. Das Textil ist dann so verarbeitet, dass es von außen Druck auf das Gewebe des Beins erzeugt. Das entlastet das geschädigte Venen- oder Lymphsystem. Ein Kompressionsstrumpf ist so gefertigt, dass der ausgeübte Druck von oben nach unten analog zum Gewebedruck in Richtung der Schwerkraft zunimmt, sagt Klaus Kreutzer vom Bundesverband Sanitätsfachhandel. Es gibt Strümpfe mit unterschiedlichen Kompressionsklassen von I bis IV. „Normal gebaute Patienten benötigen häufig Strümpfe der Klasse II, bei kräftigeren Patienten wird dann eher zu einer höheren Klasse gegriffen“, sagt Markus Stücker vom Venenzentrum am Katholischen Klinikum Bochum. Wichtig ist, dass die Beine ausgemessen werden, bevor man einen Kompressionsstrumpf ausgehändigt bekommt. „Der Strumpf muss gut sitzen“, sagt Markus Stücker. Wer daher das Gefühl hat, der Strumpf sitze an den Fesseln zu locker oder aber zu fest, sollte lieber noch einmal den Fachhändler aufsuchen.

Profitieren auch Sportler von Kompressionsstrümpfen?

Der Kompressionsstrumpf wird sportlich: Fußballer wie Marathonläufer zeigen sich nun öfter mit dem medizinischen Beinkleid – meist neonfarben. Aus gutem Grund? „Grundsätzlich bewirkt Kompression immer eine Erhöhung der Fließgeschwindigkeit des Blutes“, sagt Klaus Kreutzer, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Sanitätsfachhandel. Viele Sportler würden von einer geringeren Ermüdung berichten und von weniger Muskelkater. „Doch dazu ist es wichtig, die Strümpfe nach dem Sport anzuziehen“, ergänzt Markus Stücker, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. Die Blutgefäße werden dabei unterstützt, in der Phase der Ermüdung, etwa nach einem langen Lauf, das Blut wieder zurück zum Herzen zu transportieren. „Die Beine werden also nicht mehr so schwer“, sagt Stücker. Dieser Effekt sei durch Studien gut belegt. Ein wenig anders sieht es bei Patienten aus, die aus medizinischen Gründen Kompressionsstrümpfe tragen müssen. Sie sollten sich mit diesen unbedingt mehr bewegen: „Es gibt Studien, die besagen, dass Bewegung und das Tragen von Kompressionsstrümpfen bei Patienten, die Venenprobleme haben, die positive Wirkung dieser Maßnahme verstärken“, sagt Stücker.

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