Blick in die große Rottehalle. Auf der rechten Seite entstehen derzeit 18 sogenannte Rottetunnel. Das gesamte Konstrukt wird 127 Meter lang sein. Foto: Elke Hauptmann

Für 20 Millionen Euro wird das Kompostwerk in Kirchheim (Kreis Esslingen) modernisiert. Die neue Technik soll ab Ende Mai getestet, der Regelbetrieb im November aufgenommen werden.

„Wir liegen voll im Zeitplan“, sagt Michael Potthast. In nicht einmal drei Monaten, informiert der Geschäftsführer der Kompostwerk Kirchheim GmbH, soll der Betrieb in einer der größten Kompostieranlagen Deutschlands nach knapp einjähriger Pause wieder anlaufen. Noch sieht es nicht danach aus: Überall in der gut 140 Meter langen Halle wird gearbeitet – Betonwände werden hochgezogen, Fundamente gegossen, Rohrleitungen verlegt, Anlagetechnik eingebaut.

 

Das an der A 8 gelegene Kompostwerk, ein Gemeinschaftsprojekt der Landkreise Esslingen und Böblingen, wird für rund 20 Millionen Euro von Grund auf modernisiert. „Nach knapp 30 Betriebsjahren ist das dringend notwendig“, erläutert Potthast bei einer exklusiven Baustellenführung mit Leserinnen und Lesern unserer Zeitung. Die aus dem Jahr 1996 stammende Maschinentechnik war aufgrund ihres Alters zunehmend störanfällig geworden.

Die beiden „Wendeline“ – imposante Schaufelräder, die den Bioabfall auf den einzelnen Lagerflächen im Verarbeitungsprozesses immer wieder umschichteten – haben ausgedient. Sie wurden ebenso wie die langen Förderbänder demontiert. Denn in der großen Halle wird künftig nicht mehr in einem offenen Verfahren kompostiert, sondern in einem geschlossenen System. Dafür werden derzeit 18 mit Toren luftdicht verschließbare Rottetunnel aus Beton eingebaut. Jeder einzelne ist laut Potthast 35 Meter tief, gut fünf Meter hoch und etwa sechs Meter breit. Das gesamte, garagenähnliche Konstrukt wird am Ende eine Gesamtlänge von 127 Metern haben.

Das neue Kompostwerk Kirchheim wird weniger riechen

„Die neue Anlage ermöglicht, dass das Material separat verarbeitet wird“, erklärt Potthast. Die Belüftung über den Spaltboden, die Berieselung mit Wasser und die ideale Raumtemperatur kann in jedem Tunnel individuell gemessen und gesteuert werden. Das optimiert laut Potthast nicht nur das Verfahren, sondern spart auch Energie. „Unser Stromverbrauch wird geringer sein, weil wir keine großen Maschinen mehr einsetzen müssen.“

Michael Potthast, Geschäftsführer des Kompostwerkes Kirchheim (Mitte) erläuterte den Leserinnen und Lesern die aktuellen Arbeiten. Foto: Elke Hauptmann

Ein weiterer Vorteil: Das neue Kompostwerk wird weniger riechen. So sorgt im Annahmebereich, dort wo später etwa 25 Sammelfahrzeuge täglich ein- und ausfahren, eine Luftschleieranlage dafür, dass selbst bei geöffneten Türen keine Abluft nach außen dringt. Die Luft in der Rottehalle wird abgezogen, über Biofilter aus Wurzelholz gereinigt und zum Teil für die Belüftung der Rottetunnel wieder eingesetzt. Zudem wird das geruchsintensive Material nur zweimal innerhalb von sechs Wochen von Radladern aus dem Tunnel geholt und umgesetzt.

Richtig trennen: „Je reiner der Biomüll, desto hochwertiger ist der Kompost“

Ist der natürliche Verrottungsprozess dann abgeschlossen, wird der frische Kompost in Richtung Feinaufbereitung transportiert. Dort werden letztmalig noch vorhandene Störstoffe wie Metallteile, Steine und Folien mit enormem Aufwand aussortiert. Auch die Aufbereitungstechnik im Kirchheimer Kompostwerk wird erneuert – so wird in der Anlieferungshalle gerade eine große Sternsiebmaschine zur Vorsortierung aufgebaut.

Die Aufbereitungstechnik wird ebenfalls erneuert – hier wird eine Sternsiebmaschine aufgebaut. Foto: Elke Hauptmann

Und dennoch bleiben Kunststoffe ein Problem. Kleinste Plastikteilchen aus dem Bioabfall zu entfernen, ist auch für die modernste Anlage oft nicht machbar. Potthast, zugleich Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsbetriebes (AWB) des Kreises Esslingen, ärgert sich zum Beispiel über Kaffeekapseln aus Plastik oder Alu. „So etwas gehört einfach nicht in die Biotonne“, sagt er in aller Deutlichkeit. Das richtige Trennen zu Hause sei enorm wichtig für den Verwertungsprozess. „Je reiner der Biomüll, desto hochwertiger ist der Kompost.“

Qualitätskompost voraussichtlich ab Ende August wieder erhältlich

Die neue Technik wird laut Potthast ab Ende Mai „auf Herz und Nieren“ geprüft. Drei Testläufe seien geplant, bevor die Anlage voraussichtlich im November dieses Jahres in den Regelbetrieb gehen wird. Ab dann werden wieder pro Jahr bis zu 60 000 Tonnen Bioabfall im Kirchheimer Werk zu 20 000 Tonnen Kompost mit Gütesiegel verarbeitet. Der in Säcke abgepackte Naturdünger erfreut sich bei Privatleuten und bei landwirtschaftlichen Betrieben großer Beliebtheit, „Die Menge ist immer schnell weg“, weiß der Geschäftsführer und hat eine gute Nachricht: Voraussichtlich ab Ende August wird der Kirchheimer Qualitätskompost wieder erhältlich sein.

Die Landkreise Esslingen und Böblingen arbeiten bei der Verwertung von Biomüll seit drei Jahrzehnten Hand in Hand und sind jeweils zu 35 Prozent am Entsorgungsbetrieb des Partners beteiligt. Etwa die Hälfte der in Esslingen jährlich eingesammelten Bioabfälle – um die 17 000 Tonnen – werden zur Vergärung nach Leonberg gebracht. In der dortigen Anlage wird Biogas zur Energiegewinnung erzeugt. Im Gegenzug werden die dabei entstehenden Gärreste, etwa 32 000 Tonnen pro Jahr, in Kirchheim zur Kompostierung verwendet. Ab 2027 wird auch der Landkreis Göppingen dem Verbund beitreten und Jahr für Jahr rund 9000 Tonnen Biomüll im Kirchheimer Kompostwerk abliefern. Die Verwertung in beiden Anlagen soll dadurch wirtschaftlicher werden, betont Potthast.