Kompositionspreis der Stadt Stuttgart 2017 Geschüttelt, nicht gerührt

Von Susanne Benda 

Das Ensemble Mosaik Foto: Sandra Schuck
Das Ensemble Mosaik Foto: Sandra Schuck

Zum Auftakt des Stuttgarter Eclat-Festivals hat die Stadt Stuttgart ihren Kompositionspreis 2017 verliehen.

Stuttgart - Dunkel ist’s auf der Bühne im Theaterhaus – so dunkel, dass man gerade mal die Köpfe der drei Musiker erkennen kann. Und leise ist’s dort ebenfalls – so leise, dass man, bis die ersten Zuhörer zu hüsteln beginnen, eine Stecknadel fallen hören könnte. Oder ein Streichholz. Das jedoch befindet sich zusammen mit vielen seinesgleichen in Schachteln, und das Stück „Lightness“ von Juliana Hodkinson beginnt damit, dass etliche dieser Schachteln sanft geschüttelt werden. Dann macht es ratsch und ratsch und ratsch, und rhythmisch entflammen und verlöschen die Hölzchen. „Lightness“ beginnt sehr zwingend, dauert aber knapp eine halbe Stunde, die sich zieht und zieht, denn ihre hübsche Idee ist rasch und oberflächlich abgehandelt. Gerührt ist man nicht, und der Geist sehnt sich nach anderen, prominenten Schwefelhölzern. Zum Glück ist das Werk, für das Juliana Hodkinson den Kompositionspreis der Stadt Stuttgart erhielt, ein anderes, für Orchester geschrieben und deshalb erst beim Abschlusskonzert des Eclat-Festivals zu hören.

Begonnen hat das in diesem Jahr fünftägige Stuttgarter Neue-Musik-Großereignis am Mittwoch aber mit der Verleihung des ältesten deutschen Kompositionspreises durch den Kulturbürgermeister Fabian Mayer, und immerhin eines der beiden ausgezeichneten Werke, nämlich das zweitplatzierte, hat das vom Komponisten-Dirigenten Enno Poppe geleitete Ensemble Mosaik an diesem Abend gespielt. Malte Giesens „88 $ or the Poetry of Capitalism“ schreibt über dem vokalisierten Text eines Spam-Mails (wunderbar instrumental gesungen von Johanna Zimmer) das barocke Concerto grosso fort – mit einem klangverfremdeten Trio als Solistengruppe, die dem starren Ensemble erst entgegen- und dann immer mehr zuarbeitet. Am Ende stehen hohle Reproduktion und Stagnation.

Lisa Streichs „Zucker“ kontrastiert spielerisch Mensch und Maschine

Ein gut gedachtes und gemachtes Stück. Für das eindrucksvollste indes hat an diesem Abend Lisa Streich gesorgt: In „Zucker“ sorgen elektronisch gesteuerte Rädchen an den Instrumenten der Musiker für einen (fast altmodisch-)mechanischen Klang, der sich in eine permanente und reizvolle Reibung zu den menschlich erzeugten Tönen begibt. Streichs Stück ist nicht nur sehr spielerisch und poetisch, sondern verfügt über eine in neuerer Musik nicht eben häufig anzutreffende Kongruenz von Länge und Inhalt – eine Qualität, die man anschließend bei Kirsten Reeses an sich origineller Reanimation eines historischen Fairlight-Computers („Light Green Rituals“) vermisste. Auch François Sarhans mit rhythmisierten Lichtwechseln und Rezitation durchsetztes „Potence a paratonnerre“, ein Stück zwischen Happening, Selbstreflexion und absurdem Theater, hatte viel Endensollendes. Von dem sehr bunten Reigen der folgenden Eclat-Veranstaltungen am Wochenende darf man allerdings erwarten, dass das nicht so bleiben wird.

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