Karl Rueß am Klavier im Musiksaal: Sein Lied erklärt die Corona-Regeln mit einer eingängigen Melodie. Foto: factum/Simon Granville

Der Lehrer Karl Rueß hat zum Unterrichtsstart ein Stück komponiert, das den Grundschülern die Hygieneregeln erklärt. Im Internet ist es ein Hit. Der 69-Jährige ist überhaupt sehr engagiert: Er arbeitet noch im Ruhestand.

Böblingen - Die Grundschüler von Karl Rueß sind musikalisch auf die neuen Regeln eingestimmt worden. „Wir achten aufeinander, und das aus gutem Grund“, lautet der Refrain seines Lieds, „wenn wir uns daran halten, dann bleiben wir gesund.“ Ums Händewaschen geht es darin, ums Niesen in den Ellenbogen, um das Abstandhalten natürlich und regelmäßiges Lüften. Bevor die Schüler der Böblinger Ludwig-Uhland-Grundschule nach den Schließungen zurück in den Unterricht gekommen sind, hat er ihnen mit der Rektorin Elke Gnau-Hermann die Regeln praktisch schon vorgesungen. Ein später eigens für das Internet produzierte Video wurde auf Youtube tausendfach angeschaut. „Megacooles Lied“, haben dort viele Kinder die Komposition kommentiert.

Eine eingängige Melodie hilft beim Merken

Warme Töne entlockt Karl Rueß dem Klavier, seine Melodie klingt wie eine Mischung aus Kinderlied und Schlager. „Wir schütteln keine Hände, wir lächeln uns nur zu“, singt er, „wir reden miteinander, Streiten ist tabu.“ Tatsächlich hätten die Schüler auf die Regeln geachtet, als der Unterricht wieder startete – erst für die Viertklässler Mitte Mai und nun für die Erst- und Drittklässler. „Sie kamen ein bisschen verändert zurück“, erzählt der Lehrer, ruhiger seien sie, aufmerksamer und rücksichtsvoller. Ob es am Lied liegt oder vor allem an der doch einschüchternd wirkenden Situation, lässt sich nicht sagen. „Wenn etwas gereimt und noch mit einer eingängigen Melodie vertont ist, dann kann man es sich besonders gut merken“, ist sich Karl Rueß aber sicher.

Gemeinsam haben die rund 260 Schüler der Ludwig-Uhland-Grundschule das Corona-Lied noch nicht anstimmen können. Es wurde ihnen bislang nur vorgespielt. Dabei war das Singen von allen Klassen zusammen bislang ein wichtiges pädagogisches Element im Jahresverlauf. „Hier herrscht für Musik ein sehr förderliches Klima“, findet der Lehrer. Die Schulleiterin hat ihn auch dazu animiert, das Willkommens- und Erklärlied zu schreiben. Eine seiner drei Töchter organisierte dann noch eine professionelle Aufnahme im Tonstudio und den Videodreh.

Auch schon ein Musical geschrieben

Eigentlich hätte zum Ende des Schuljahrs ein ganz anderes Werk von ihm zur Aufführung kommen sollen: Karl Rueß hat nämlich ein Musical zum Klimawandel komponiert. Das Coronavirus hat die Proben jedoch ausgebremst. Es wäre der Abschluss einer Lehrerkarriere gewesen, die der 69-Jährige immer wieder verlängert hat. Nach 37 Jahren am Goldberg-Gymnasium folgte er dem Ruf des Kultusministeriums, wegen des Lehrermangels als Pensionär an eine Grundschule zu gehen. „Der Wechsel hat mir neue Motivation und neue Erfahrungen gebracht“, erklärt er. Statt Gymnasiasten Deutsch, Religion und Philosophie beizubringen, war er seither als Klassenlehrer tätig, unterrichtete eine Vorbereitungsklasse und in diesem Schuljahr das Fach Musik. Seit dem Lockdown kümmert er sich um die Kinder in der Notbetreuung, auch aus Solidarität mit dem Kollegium, in dem „eine Atmosphäre der Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft“ herrsche. „Ich möchte der Schule, die mir viel gegeben hat, auch etwas zurückgeben“, erklärt er sein Engagement.

Dass sein Lehrauftrag ausgerechnet im Corona-Jahr endet, kann für Karl Rueß natürlich nicht der Abschied sein. Bislang darf kein Musikunterricht stattfinden, und seinen Schülern konnte er quasi nur zuwinken. „Mir fehlt etwas“, sagt er, das Corona-Lied habe er deshalb auch als Lebenszeichen komponiert. Die Freude sei dann schon groß gewesen, allein, weil sich Schüler und Lehrer jetzt wieder sehen könnten. Und der 69-Jährige schaut nach vorne: Sein Musical, für das 50 Dritt- und Viertklässler bereits fleißig geübt haben, soll im kommenden Schuljahr aufgeführt werden. Und die Vorfreude darauf sei bei allen Beteiligten riesig. „Ich hoffe ja, dass es wirklich klappt“, fügt er noch an.

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