Fußballspielen ist bei Dynamo Dresden in den kommenden zwei Wochen verboten. Foto: imago/Steffen Kuttner

Die komplette Mannschaft des Zweitligisten muss nach zwei Corona-Fällen in Quarantäne. Das wirft viele Fragen auf: Nach der Chancengleichheit, dem Spielplan – und dem gesamten Konzept.

Stuttgart/Dresden - Nur fünf Tage, nachdem die Politik grünes Licht für die Fortsetzung der Fußballsaison gegeben hatte, rüttelt der Fall Dynamo Dresden am Bundesliga-Notbetrieb. Zwei positive Tests und zwei Wochen Mannschaftsquarantäne werfen Fragen auf, die das gesamte Konzept in Schieflage bringen.

Die Chancengleichheit: Der Blick nach Dresden zeigt schon jetzt, auf welche Gratwanderung sich die Clubs begeben haben. Auch wenn manche glaubten, mit dem Neustart kehre ein Stück Normalität zurück. Mitnichten. Als „Notbetrieb“ bezeichnet Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), das umstrittene Projekt, die Liga während der Corona-Krise wieder ins Rollen bringen zu wollen. Doch nichts wird mehr so sein wie vor der Zwangspause. Und noch ehe der erste Pass gespielt ist, stellt sich mit dem Fall Dresden die Frage nach der Chancengleichheit. Denn 35 Mannschaften setzen nun den Trainings- und Spielbetrieb fort, während Trainer und Spieler des Zweitligaletzten sich in Quarantäne befinden und bestenfalls individuelles Hometraining betreiben können. Wie also soll sich die Mannschaft auf die verbleibenden Spiele vorbereiten? Mit erheblichem Rückstand ginge es für den abstiegsgefährdeten Club nach zwei Wochen weiter. Ohne Mannschaftstraining, aber mit noch ausstehenden Partien gegen die Aufstiegsaspiranten aus Bielefeld, Stuttgart und Hamburg. Ein sportlicher Wettbewerb unter gleichen Voraussetzungen scheint nahezu ausgeschlossen.

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Der Zeitplan: 81 Zweitligapartien sind es noch bis zum Saisonende – und ehe der erste Anpfiff erfolgt ist, gerät der Zeitplan ins Wanken. Denn Dynamo Dresden ist erst einmal raus. Weshalb die Begegnungen bei Hannover 96 und gegen die SpVgg Greuther Fürth bereits abgesetzt wurden. Dennoch erklärte der DFL-Chef Christian Seifert im ZDF-Sportstudio: „Von den 81 Spielen sind nur zwei betroffen. Klar ist, es gibt sicherlich eine Größe, dann ist das irgendwann nicht mehr machbar.“ Sein Ziel bleibt, die Spielzeit bis zum 30. Juni durchzuziehen. In Dresden sieht es der Manager Ralf Minge anders. Noch ehe die Politik grünes Licht für die Fortsetzung gab, hatte er sich skeptisch in Bezug auf Geisterspiele geäußert. Nun sagt Minge: „Wir haben in den zurückliegenden Wochen sowohl personell als auch logistisch einen enormen Aufwand betrieben, um alle hygienischen Maßnahmen strikt umzusetzen.“ Gereicht hat es aber nicht.

Die Entscheider: In Deutschland regiert der Föderalismus. So zeigt sich auch in den Tagen allgemeiner Lockerungsmaßnahmen eine gewaltige Differenzierung. Nicht nur auf politischer, auch auf behördlicher Ebene. So dürfte niemanden verwundern, dass das Gesundheitsamt in Dresden nun anders entschieden hat als wenige Tage zu zuvor das Gesundheitsamt in Köln für den FC. Dort wurden nach zwei positiven Corona-Fällen nur die betroffenen Kicker aussortiert. In Dresden wird das gesamte Team isoliert. Erklären lässt sich dieser für den weiteren Spielbetrieb so entscheidende Unterschied mit der Klassifizierung von Kontaktpersonen: Eine Person der Kategorie 1 muss nach Definition des Robert Koch Instituts wie der infizierte Mensch selbst in Quarantäne. Gemeint sind Menschen, die „kumulativ mindestens 15-minütigen Gesichtskontakt“ hatten. Eine Kontaktperson der Kategorie 2 muss selbst nicht in Quarantäne. Die DFL sieht durch ihr Konzept gegeben, dass Spieler, die mit infizierten Kollegen in Kontakt waren, der Kategorie 2 zuzuordnen sind. Das war in Köln so. Dresden hat anders entschieden. Dass auch die Gesundheitsämter mitreden, an denen die betroffenen Teammitglieder ihren Wohnsitz haben, macht die Angelegenheit noch kniffliger. Allein beim VfB Stuttgart wohnen die Angestellten über mehrere Landkreise verteilt. „Wir haben stets darauf verwiesen, dass die zuständigen Behörden den Takt vorgeben“, sagte Seifert und suggerierte damit ein Stück weit seine Machtlosigkeit. Womöglich erweist sich die Entscheidung des Dresdner Gesundheitsamts als Anfang vom Ende des Notbetriebs.

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Die Betroffenen: Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass viele Protagonisten des Fußball-Zirkus – die Spieler selbst – ein mulmiges Gefühl beschleicht. Offen ausgesprochen haben das bislang nur wenige. Nachdem der Kölner Birger Verstraete den Anfang gemacht hatte, wagen sich immer mehr aus der Deckung. Wie Neven Subotic von Union Berlin: „Die Spieler hatten keinen Einfluss auf die Entscheidungsfindung“, beklagte der 31-Jährige. Dieser Auffassung widersprach RB Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche, da zumindest bei seinem Club die Bedenken der Profis ernst genommen würden. „Wir lassen einem Spieler auch die Möglichkeit, nicht zu trainieren, wenn er das möchte.“ Sören Bertram vom Drittligisten 1. FC Magdeburg wurde am deutlichsten: „Wir sind alle im Kopf nicht frei, weil wir nach einer Infektion für den Rest unseres Lebens Lungenprobleme haben könnten.“ Die Aussage des Spielers gipfelte in der Erkenntnis: „Wir sind nur Marionetten.“

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