Niemand hat die schwäbische Seele so gut parodiert wie Willy Reichert und Oscar Heiler. Die Komödie im Marquardt lässt sie wiederauferstehen – mit einem besonderen Trick.
Diesmal hat der liebe Gott seine Finger persönlich im Spiel. An sich langweilen sich die Engel auf den Wolken. „Der Himmel ist eine dermaßen fade Angelegenheit“, stöhnt Willy Reichert, der nun schon seit mehr als fünfzig Jahren droben auf seinem himmlischen Bänkchen hockt. Und jetzt kommt ein Auftrag von ganz oben: Der Stuttgarter Schauspieler soll noch einmal auf die Bühne mit seinem einstigen Kompagnon Oscar Heiler.
Als „Häberle und Pfleiderer“ haben die beiden Komiker Theatergeschichte weit über Stuttgart hinaus geschrieben. Mit grottenbreitem Schwäbisch parodierten sie Beamte und Bruddler gleichermaßen. Und nun stehen sie in der Stuttgart Komödie im Marquardt wieder auf der Bühne und tauschen ihre legendären Worthülsen aus: „so, so. . .ja, ja“ und „Die Sonne scheint“ – „Ja, was soll se mache“. Das klingt altmodisch, ist es auch – und trotzdem sehr lustig.
Hommage an Oscar Heiler und Willy Reichert
Bei der Uraufführung der Hommage an Oscar Heiler und Willy Reichert ist also beste Unterhaltung garantiert – und wird doch auch an ein Stück Stuttgarter Kulturgeschichte erinnert. Denn die beiden begannen ihre Bühnenkarriere in den 1920er Jahren, als auch in Stuttgart ein frischer Geist wehte. Man amüsierte sich im Hotel Marquardt und bei Varieté-Abenden im Excelsior. Bertolt Brecht und Kurt Weill kamen zur Aufführung der „Dreigroschenoper“ im Schauspielhaus, an dem Reichert engagiert war.
Er muss ein schrulliger Kerl gewesen sein, verstockt, wortkarg und introvertiert, womit ihm die Rolle des grantigen Pessimisten Pfleiderer wie auf den Leib geschnitten war. Sein Bühnenpartner sollte Charly Wimmer werden, der aber verunglückte. So sprang der Souffleur Oscar Heiler ein, ein junger Mann, der unbedingt ans Theater wollte.
Jörg Pauly als Häberle, Monika Hirschle als Pfleiderer
Fortan standen die beiden auf der Bühne und vor der Kamera – und spielte Heiler oft den typischen Postbeamten , der Dienst und Pause nach Vorschrift macht. Sein alter Schulkamerad, der Pfleiderer, will eine Sendung abholen, hat aber keinen Ausweis dabei. „Als Privatmann kenne ich Sie ganz genau, aber als Beamter habe ich keine Ahnung, wer Sie sind“, erklärt ihm Häberle, „ich kann ihnen diesen Brief nicht verabfolgen.“
In der Komödie im Marquardt wird der Langweiler und Wichtigtuer Häberle von dem Stuttgarter Komödianten Jörg Pauly gespielt. Den ewigen Bruddler übernimmt Monika Hirschle mit angeklebtem Schnauzer, Anzug und Krawatte – und das tut sie grandios. Das beiläufige Gemecker ist extrem amüsant. Als Hirschle den besoffenen Pfleiderer spielt, fährt sie zu Hochform auf und verheddert sich köstlich beim beschwipsten Vortrag über „Auscheinandersetzungen“ und Begriffe wie „statistisch“. Er solle weniger trinken, mahnt Häberle, „Sie müssen im sich gehen“. Noi, sagt Pfleiderer, „des isch mir zu weit.“
Comeback der schwäbischen Komiker im Himmel
Monika Hirschle und die Regisseurin Christine Gnann haben die Hommage gemeinsam geschrieben und dazu die Idee entwickelt, dieses Comeback der schwäbischen Komiker im Himmel stattfinden zu lassen. Auch andere Weggefährten tauchen auf wie die berlinernde Sängerin Claire Waldoff oder Lale Andersen. Bernadette Hug schlüpft in deren Rollen, während der Pianist Peter Lewys Preston im Frauenfummel zum knarzenden Grammofon Kurt Tucholskys Gedicht „Ach leg Deine Wange doch mal an meine Wange“ singt, das Friedrich Hollaender vertonte.
Mit einfachen Mitteln wird in der Komödie im Marquardt für Bühnenzauber (Ausstattung: Barbara Krott) gesorgt und werden diese verblichenen Stars auf Podesten über die Bühne geschoben, grad so, als würden sie auf Wolken vorbeischweben. Oscar Heilers und Willy Reicherts Humor ist klar im vergangenen Jahrhundert verortet, und doch hätte man an diesem kurzen Theaterabend gern mehr ihrer Sketche gehört, zumal ein gleich zweimal gesungenes Lied sogar auffordert, doch nicht sofort wieder aus dem Theater zu stürmen. Nach dem Motto: „Man muss au faulenze kenne – und ned bloß renne, renne, renne.“
Häberle und Pfleiderer: Vorstellungen bis zum 11. Mai in der Komödie im Marquardt