Das Trottoir sauber zu halten ist viel mehr als nur ein Akt der Reinigung. Erstaunlich, was unser Kolumnist KNITZ dabei so alles erfährt.
KNITZ ist von Haus aus ein eher bequemer Mensch. Doch zum Faultier taugt er nicht. Er würde sich selbst als mittelfleißig bezeichnen. Ganz ohne was zu schaffen, wäre das Leben fad. Wenn KNITZ allerdings wählen kann, dann zieht er Arbeiten vor, bei denen sich zügig ein Erfolgserlebnis einstellt.
Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb er sich mit seiner Zeitungskolumne ganz wohlfühlt. Die Zeilenzahl ist überschaubar. Romane zu schreiben, überlässt er anderen. Für Doktorarbeiten fehlen ihm Grips und ein langer Atem. Dr KNITZ hat eben nicht das Zeug zum Dr. KNITZ.
Leidenschaftlicher Pinselschwinger
Abseits der Lohnarbeit ist KNITZ ein leidenschaftlicher Anstreicher, ein Pinselschwinger. Vor allem dann, wenn andere das mühsame Abkleben übernehmen. Fürs Rasenmähen ist er auch jederzeit zu gebrauchen. Und natürlich fürs Kehren. Vor allem, wenn es in Gottes freier Natur stattfindet, also vor der eignen Haustür.
Das Schöne am Kehren ist: Man ist an der frischen Luft, bewegt sich in Maßen, und die Nachbarschaft kriegt mit, dass man nicht untätig ist. Aber vor allem: Man kommt dabei mit Leuten ins Gespräch.
Dazu sollte KNITZ vielleicht erklären, dass er unweit eines Altenheims wohnt. Käme jemand auf die Idee, bei ihm eine Verkehrszählung zu veranstalten, es käme eine Rollatorendichte von 99 Prozent heraus.
KNITZ hat selbst schon seine Expertisen angestellt und dabei erfahren: Wenn er den Besen schwingt, geht kaum ein Passant wortlos vorbei. Die Bandbreite der Kommentare reicht von „So, muss halt au amol sei“ bis „Mi stört des Laub fei net, von mir aus müssdet Se des net macha“. Manchmal ergibt sich auch ein Gespräch, sodass KNITZ froh ist, einen Besen als Stütze zur Hand zu haben, so wie am vergangenen Samstag.
Lebensgeschichte in zehn Minuten
KNITZ weiß nicht mehr, welchen Aufhänger die Frau fand, um ihr Wort an ihn zu richten. In zehn Minuten jedenfalls bekam er eine Lebensgeschichte zu hören.
Jetzt weiß er, dass die Frau in einem Wohnblock aus den sechziger Jahren eine Eigentumswohnung besitzt. Dort lebt sie gemeinsam mit ihrer erwachsenen Tochter, die als Frühchen zur Welt kam. Er weiß zudem, dass das Haus hellhörig sei, weshalb die Frau nachts oft kein Auge zubekommt, vor allem, seit eine Wohnung den Besitzer gewechselt habe. Die Neuen, meinte die Frau, hätten einen ganz anderen Lebensrhythmus als sie. „Dia duschad oft no nachts om zwoi.“
Dass sie das höre, liege auch daran, dass sie einen leichten Schlaf habe, was wohl daher rührt, dass sie dreißig Jahre lang im Schichtdienst gearbeitet habe.
Aber eigentlich wolle sie nicht klagen, sagt die Frau zum Schluss. Im Grunde habe sie keine Probleme, anders als der junge Mann mit seinen zwei kleinen Kindern aus der Nachbarschaft, dem vor Kurzem überraschend seine Frau weggestorben sei.
Wenn die Erlebnisse von KNITZ beim Besenschwingen in seine Kolumne einfließen, dann ist er ein berufsmäßig publizierender Kehrwöchner. Wobei er natürlich nicht im Ansatz dem berühmten Straßenkehrerduo, den Herren Karle und Gottlob, den Besen reichen kann. Der Mime hinterm Karle, übrigens, wird am 25. Mai 100.