Die ersten Telegrafen waren mechanische Apparate, gut sichtbare Masten, montiert auf Türmen von Kirchen, Schlössern und Burgen. Foto: Imago/Gemini Collection/IMAGO/Gemini

Mit optischen Signalanlagen hat Claude Chappe nach der Französischen Revolution die Nachrichtenübermittlung neu erfunden. Auf einmal konnten Meldungen über größere Entfernungen nahezu in Echtzeit kursieren.

Bereits vor 200 Jahren gab es ein System, mit dem man Kurznachrichten in Form von Textbausteinen schnell und drahtlos über weite Entfernungen senden konnte. Gemeint ist die Erfindung der mechanischen Signalanlage, auch Semaphor, „Zeichenträger“, genannt, mit der codierte Meldungen über weite Strecken optisch übermittelt werden konnten. Den zündenden Gedanken hierfür hatte ein technikbegeisterter französischer Abbé namens Claude Chappe (1763–1805), der in weltlichen Dingen zumindest ebenso bewandert war wie in geistlichen.

 

Begabter Tüftler

Am 25. Dezember 1763 in Brûlon im Departement Le Mans geboren, lässt sich Chappe zunächst zum Priester ausbilden. Als im Sommer 1789 in Paris die Revolution ausbricht, erkennt der technikaffine Abbé, dass der Aufstand gegen das adlige Regime seiner geistlichen Karriere abträglich ist. Als die neue Regierung, dem Klerus gegenüber feindlich gesinnt, die Gelder für sein Stipendium streicht, geht Chappe nach Brûlon zurück und macht sein Hobby zum Beruf. Schon seit Längerem experimentiert er an einer Fernübertragung von Nachrichten.

Zuerst versucht er es mit der Elektrizität, doch die schlecht isolierten Leitungen und der hohe Spannungsabfall erlauben es nicht, große Entfernungen zu überwinden. Deswegen denkt Chappe schon bald über mechanische Apparate nach: Gut sichtbare Masten, montiert auf Türmen von Kirchen, Schlössern und Burgen, könnten es richten. Seine Idee, Signale über größere Entfernungen zu übertragen, hatte bereits der französische Physiker Guillaume Amontons (1663–1705). Claude Chappe setzt sie um. 1791 bringt er seinen „Tachygraphen“ zur Serienreife.

Blitzschnell kommen Nachrichten an

Ein Jahr später erläutert Chappe vor dem Konvent der Französischen Revolution seine Erfindung. „Ich schreibe im Raum“, erklärt der Erfinder. Die Versammelten sind begeistert, zumal Chappes Erfindung einen enormen Zeitgewinn bei der Übermittlung von Nachrichten darstellt. Mit seinem Verfahren, so Chappe, könne eine Nachricht von Paris noch am gleichen Tag, ja binnen einer Stunde, an die in Nordfrankreich und Flandern stehenden Revolutionstruppen übermittelt werden.

Die Zeit drängt. Frankreich kämpft gegen Preußen und Österreich. Am 25. Juli 1793 beschließt der Konvent eine optische Telegrafenlinie von Paris nach Lille. Im Jahr darauf geht die 225 Kilometer lange und aus 23 Stationen bestehende Fernlinie in Betrieb. Die erste offizielle telegrafische Nachricht am 15. August 1794 ist eine Erfolgsmeldung: Das revolutionäre Paris erfährt von der Rückeroberung der Stadt Le Quesnoy bei Lille. Wofür vorher reitende Boten 24 Stunden benötigten, braucht Chappes Erfindung nur eine Stunde.

Begeistert von dem optischen Telegrafen ist auch Friedrich Johann Lorenz Meyer, Domherr zu Hamburg, der 1796 in Paris eine der streng geheimen Einrichtungen auf dem Dach des Louvre besichtigen darf. „Die Stationen“, schreibt Meyer, „sind meist auf Hügeln, Dächern oder Kirchtürmen aufgebaut mit Blickverbindung zur nächsten Signalanlage. In den Türmen tun zwei Mann rund um die Uhr Dienst. Einer beobachtet ständig durch ein Fernrohr die Flügelstellung in der benachbarten Station und meldet diese seinem Kompagnon, der über eine Seilvorrichtung die Flügel seiner eigenen Station ins Gleichmaß schwenkte.“

Der Telegraf selbst besteht aus einem Holzgerüst, an dessen Spitze ein 4,5 Meter langer, drehbarer T-Balken montiert ist, der Regulator. Man kann ihn in vier verschiedene Stellungen bringen – waagrecht, senkrecht, nach links und nach rechts geneigt. An beiden Enden des Balkens hängt je ein drehbarer, einarmiger Flügel von knapp zwei Meter Länge, der Indikator. Jeder Indikator lässt sich in sieben verschiedene Positionen stellen.

Aussagen werden als Codes verschlüsselt

„Damit sind“, erläutert der Wissenschaftsjournalist Eckart Roloff den Funktionsmechanismus, „insgesamt 196 Stellungen möglich, die über einen ausgeklügelten Code Nachrichten weiterschicken. 94 davon nutzt Chappe für Buchstaben und Zahlen. Für die Übertragung von Meldekürzeln gibt es 92 Figuren; ihnen sind in einem Codeverzeichnis feststehende Aussagen zugeordnet. Mit wenigen Figurenfolgen können also ganze Sätze aufgenommen und verschlüsselt übertragen werden.“ Damit erreicht Claude Chappe eine bis dahin ungekannte Schnelligkeit. So packt er beispielsweise den Satz: „Diesen Morgen um 5 Uhr – griff die Nordarmee – den 12 000 Mann starken Feind an – und siegte – mit der Gefangennahme von 500 feindlichen Soldaten“ in ganze fünf Zeichen. Bis sie von Lille aus Paris erreicht, dauert es nicht länger als zwei Minuten.

Entschlüsseln kann die Nachrichten nur der Empfänger, da lediglich die Anfangs- und Endstation ein Codeverzeichnis besitzen, das ständig aktualisiert wird. Maximal 15 Kilometer liegen die einzelnen Signalanlagen auseinander. An Tagen mit guter Fernsicht überbrücken die Fernmelder 135 Kilometer in einer Minute.

Chappe installiert im Auftrag des Konvents ein Telegrafennetz in ganz Frankreich. Linien nach Brest, Toulon und Straßburg werden gebaut, eine Anlage steht auf dem Dach des Straßburger Münsters. Bis 1844 bringt es Frankreich auf ein rund 5000 Kilometer langes Kommunikationssystem, das über mehr als 500 Zwischenstationen Paris mit 29 Städten des Landes verbindet.

Morseapparat, Fax, Computer und Internet

Durch Napoleons Eroberungszüge hält die neue Technik auch Einzug in anderen Teilen Europas. Eine Verbindung ist die mit 22 Stationen ausgestattete Telegrafenlinie zwischen Metz und Mainz. Die erste Nachricht aus der französischen Kapitale gelangte am 29. Mai 1813 nach Mainz.

Claude Chappe ist da schon acht Jahre tot. Er hadert mit sich und der Welt und begeht am 23. Januar 1805 Suizid. 1844 wird sein System vom Morseapparat abgelöst. Um 1930 kommt der Fernschreiber auf, ein vollautomatisches, schreibmaschinenähnliches Gerät. Ab Mitte der 1980er Jahre verdrängt das Fax alles andere – bevor es der Computer und das Internet ersetzen.