Die Autobahn trennt Korntal und Münchingen und seine Menschen. Viele Kandidaten für die Kommunalwahl sind wegen der räumlichen Distanz zwischen den Stadtteilen nur in einem Ortsteil bekannt. Foto: Werner Kuhnle

Die Karten werden neu gemischt am 26. Mai: Viele Korntal-Münchinger Lokalpolitiker treten nicht mehr zur Wahl an und verabschieden sich damit aus dem Gremium, darunter langjährige Fraktionschefs. Welche Folgen hat das?

Korntal-Münchingen - In den Gemeinderat von Korntal-Münchingen ziehen nach der Kommunalwahl am 26. Mai so viele Leute ein wie seit drei Jahrzehnten nicht: Exakt die Hälfte der 22 Mitglieder – viele langjährige – tritt nicht mehr an, darunter drei Fraktionsvorsitzende, die Vize-Bürgermeisterin sowie die Chefs von FDP und AfD.

„Es wird schwer für alle. Mit den Ausscheidenden verlieren wir viel Wissen. Und die Neuen müssen sich reinfinden – mit Hilfe derer, die drin bleiben und über die Fraktionen hinaus“, sagt Marianne Neuffer. Die Chefin der Freien Wähler ist seit zehn Jahren im Gremium und kandidiert als einzige Vorsitzende erneut. Dass in ihrer Fraktion mit Wolfgang Anton nur einer von vier Mitgliedern nicht mehr antritt, findet sie gut. „Wir sind diesmal relativ konstant.“ Für die Freien Wähler ins Rennen gehen unter anderem der Küchenchef des Schulbauernhofs, Carsten Gunsilius, der ehemalige Jugendgemeinderat Robin Dolce, ebenso die Tochter des früheren Stadtrats Frank Gehring, Isabelle Gehring.

„Nun kann sich alles ändern“

Durch den Weggang vieler „Schwergewichte“, wie die Kallenbergerin Neuffer Martin Hönes (CDU-Chef), Marianne Stellmacher (CDU, zweite Bürgermeisterin), Egon Beck (SPD-Chef), Viola Noack (FDP) und Wolf Ohl (Grünen-Chef) nennt, werde es spannend, wie sich die Stimmen verteilen. „Nach den letzten zwei Wahlen blieb die Sitzverteilung recht gleich. Nun kann sich alles ändern“, sagt die 61-jährige Gärtnermeisterin. Viele Bewerber – oft engagiert etwa in Vereinen und erneut auf den Listen – seien wegen der räumlichen Distanz zwischen den Stadtteilen eher nur in einem Ortsteil bekannt, weniger stadtweit.

Klar ist indes schon: Bei der FDP werden alle Gesichter neu sein, denn auch der Landschaftsgärtner Klaus-Dieter Stellmacher geht. Die Alternative für Deutschland (AfD) wird nicht mehr vertreten sein: Der Stadtrat und Sprecher des Ortsverbands, Tilmann Oestreich, kandidiert nicht mehr für das Ehrenamt. Der Zeitaufwand sei ihm zu hoch, begründet er. Kandidaten der AfD für Sitze im Rat gibt es keine.

Fraktionen erhielten Absagen

Insgesamt klagen alle Fraktionen im Ort darüber, wie schwer sich Bewerber für ihre Listen finden ließen. „Wir wollten mehr Frauen“, sagt Martin Hönes. Er vermutet als Gründe für die Absagen eine hohe Belastung im Beruf, den Wunsch nach mehr Zeit für die Familie und Politikverdrossenheit. Sechs Frauen kandidieren nun für die CDU, zum Beispiel die frühere Jugendgemeinderätin Alina Wenger und Sofia Marvaki-Wolski, die sich unter anderem für das Korntaler Kornhaus engagiert. „Wir haben ein breites Spektrum, von 20 bis 70 Jahren ist alles vertreten“, sagt Hönes.

Der 60-Jährige verabschiedet sich nach 30 Jahren aus dem Gemeinderat, ebenso tritt Roland Kühn nicht mehr an. „Ich war jetzt lange genug dabei. Trotzdem ist es nicht ganz einfach, aufzuhören, Wehmut ist dabei“, sagt der Landwirtschaftsmeister Hönes, der aber zumindest wieder in den Kreistag will. Einen künftigen Platz „nur“ als Stadtrat ohne Leitungsfunktion kann er sich indes nicht vorstellen, obwohl der Gemeinderat gut zusammenarbeite.

Kreisrat ja, „nur“ Stadtrat nein

Ähnlich sieht das Egon Beck, der nach 20 Jahren ausscheidet. „Wir arbeiten vertrauensvoll und konstruktiv zusammen“, sagt der 61-jährige Oberstaatsanwalt. Wie Hönes bezweifelt auch Beck, dass er sich als Stadtrat zurücknehmen könne, nachdem er so lange Fraktionschef war.

Der SPD-Mann gibt sein Amt aus mehreren Gründen auf. „Im Kern ist die Arbeit dermaßen komplex und aufwendig, dass ich sie mit meiner Vollzeit-Berufstätigkeit nicht leisten kann.“ Oft investiere er zehn Stunden pro Woche – zusätzlich zu den Sitzungen. Außer Beck, der ebenfalls wieder für den Kreistag kandidiert, geht Guntram Schrempp. Interesse an einem Sitz für die SPD haben etwa Michael Brenner, der Chef des Pflegezentrums Ditzingen Haus Guldenhof, und der Schulleiter Stephan Haag.

Komme ehemalige Stadträte zurück ins Gremium?

Vorsitzende der FDP Strohgäu, Mitglied im Kreistag, Chefin des Korntaler Gewerbe- und Handelsvereins (GHV): Die Augenoptikermeisterin Viola Noack hat viele Ämter, die sie behalten will. Das als Stadträtin gehört nicht mehr dazu. „Nach 15 Jahren ist es genug“, findet die 54-jährige Liberale. Das Amt mache ihr Spaß, sei allerdings zeitintensiv. Auch in ihrem Laden führe sie „viele und wichtige Bürgergespräche“.

Der Wechsel im Rat werde „eine riesen Umstellung“ für die Verwaltung, glaubt Noack. Um sich richtig einzuarbeiten, sei eine Amtsperiode nötig. Andererseits seien „ein paar neue Gesichter nicht schlecht“. Peter Ott etwa will eines davon werden – wobei der Steuerberater kein Unbekannter ist: Er war bis 2014 FDP-Stadtrat.

Arbeit „nicht immer ein Honigschlecken“

Aus Altersgründen hört Wolf Ohl auf. Der Chef der Grünen wird dieses Jahr 75 und findet: „Jetzt müssen die Jungen ran.“ Diese seien mit Florian Hitzler (Elektroingenieur), Thomas Stork (Student) oder Stefan Benzing (Beamter) auf der Bewerberliste vertreten – im Übrigen haben sich alle Fraktionen um jüngere Bewerber bemüht. Nicht mehr kandidiert auch Roman Graser.

Wolf Ohl zog vor 15 Jahren über sein Amt als Chef der Agendagruppe Gartenstadt in den Gemeinderat. „Die Arbeit ist nicht immer ein Honigschlecken“, sagt er vor allem mit Blick auf Umweltthemen. Eine „echte Koalition“ mit anderen Fraktionen gebe es selten. „Oft stimmten nur wir vier Grüne für ein Umweltthema.“ Umso erwartungsvoller blickt der 74-jährige Vorsitzende des BUND nun auf die Wahl.

Bürgermeister sieht Vor- und Nachteile

Und was sagt der Bürgermeister zu den vielen anstehenden Wechsel? Er sieht Vor- und Nachteile. „Das ist extrem. Es geht viel Erfahrung verloren und teils eine Ära zu Ende“, sagt Joachim Wolf (parteilos). Das Gremium beschreibt er als „sehr engagiert“, mit einigen Räten habe er zum Beispiel das Baugebiet Korntal-West geplant. Zugleich werde der Rat von „unvoreingenommenem, frischem Wind“ profitieren, sagt Wolf. „Ich bin gespannt, wer kommt.“

Er hofft, dass das Gremium noch vor der Wahl Beschlüsse zu den Projekten fasst, die kurz vor dem Abschluss stehen: Die Räte sollen im Mai entscheiden, welcher Investor in Münchingen den Zuschlag für den Vollsortimenter erhält, wie das städtische Straßennetz an den verlegten B-10-Knoten in Müllerheim angeschlossen wird oder wer entlang des neu gestalteten Feuerseewegs in Korntal die drei Stadtvillen baut.

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